Kein Kuss von der Gämse

Österreich will so nicht rechtschreiben

Wien (OTS) - Stoppt die Reform, fordern 70 Prozent der brandaktuellen, repräsentativen ÖKONSULT-Umfrage. Sie ist sinnlos und nicht notwendig, sagen 71 Prozent. Der neuen Schreibe fehlt die gesetzliche Basis, meinen ebenso viele BürgerInnen. Und 61 Prozent ziehen die behaupteten Vorteile für die heimische Schuljugend in Zweifel.

ÖKONSULT, das unabhängige Institut für Umweltforschung und Management Consulting hat im Auftrag von TÄGLICH ALLES eine Umfrage zur Rechtschreibreform erstellt. Vom 10. bis 15. August wurden nach einem Quotenverfahren bundesweit 1.293 Personen im Alter von 16 bis 71 Jahren einer persönlichen Befragung unterzogen.

Diese repräsentative Umfrage förderte als ein wesentliches Hauptergebnis die mehrheitliche Ablehnung der geplanten Reform der deutschen Rechtschreibung zutage. Dem vorgelegten reformfreundlich formulierten Statement "Ich halte eine Reform der deutschen Rechtschreibung für sehr sinnvoll und notwendig" verweigerten insgesamt 71 Prozent der befragten BürgerInnen ihre Zustimmung. Die bewährte sechsstufige Antwortskala von ÖKONSULT, die von "trifft voll und ganz zu" bis "trifft überhaupt nicht zu" reicht, ergab eine deutliche Gruppe von besonders vehementen Gegnern der derzeitigen Reformpläne. 51 Prozent wiesen die vorgegebene Behauptung der Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit der Rechtschreibreform ganz besonders strikt zurück. Gleichzeitig erklärten 83 Prozent, es wäre ihnen ganz und gar nicht egal, ob sie in ihrem persönlichen Schriftverkehr Fehler begehen würden. Gar 97 Prozent meinten, es sei im Berufsleben "sehr wichtig, fehlerfrei Rechtschreiben zu können". Auf Befragen sagen 83 Prozent, sie hielten sich selbst für sehr versiert und kompetent, was Rechtschreibung anbelangt. "Von allen Altersgruppen, von Frauen wie von Männern, wird kein Zweifel an der Bedeutung der korrekten Rechtschreibung gelassen. Gerade dieser Umstand macht die Notwendigkeit eines breiten Dialoges und der massiven Einbeziehung der BürgerInnen ersichtlich. Die Menschen wollen mitreden dürfen, wenn es um ihre Sprache geht. Spät aber nachdrücklich", kommentiert ÖKONSULT-Chef Joschi Schillhab die offensichtliche Betroffenheit der Bevölkerung.

Nicht zu übersehen ist aber auch der recht bescheidene Informationsgrad der ÖsterreicherInnen, welche konkreten Regeln und Veränderungen nun auch wirklich ins Haus stehen. Zwei Drittel der Befragten gestehen offen ein, sie fühlten sich nicht sehr gut informiert, was die Neue Deutsche Rechtschreibung im Detail bringt. Die Frage, ob eine Volksbefragung durchzuführen sei, spaltet die Umfrageteilnehmer in zwei Lager. 57 Prozent erachten einen solchen Volksentscheid für angebracht, 42 Prozent dagegen halten dieses Prozedere für entbehrlich. 37 Prozent erklären definitv, sie würden ihre Unterschrift unter einen Volksbegehrenstext setzen. Jeder vierte Befragte sagt, mit ihm oder ihr wäre in einem solchen Falle ganz sicher nicht zu rechnen. 70 Prozent vermissen allerdings die entsprechende gesetzliche Grundlage für eine derartig weitreichende Maßnahme. Sie fordern ein diesbezügliches, vom österreichischen Parlament beschlossenes, Bundesgesetz. Nur 17 Prozent wollen von einer solchen legistischen Rückendeckung für die Rechtschreibreform nichts wissen. Schillhab: "Ob zu Recht oder Unrecht - die Menschen empfinden die demokratischen Spielregeln als verletzt. Sie fordern eine erneute, politische Reformdiskussion. Wie das gehen soll, sagen sie nicht."

Das Mißtrauen sitzt tief. Die provokante Behauptung, bei der jetzigen Reform der Rechtschreibung gehe es "in erster Linie um Geschäfte der Verlage, Druckereien und Buchhandlungen", wird immerhin von 65 Prozent der Befragten unterstützt, von 22 Prozent sogar ohne die allergeringste Einschränkung. "Hier wurde professionelle Kommunikationsarbeit unterlassen. Motive, Nutzen und Vorteile der Reform sind den BürgerInnen nicht ausreichend nahegebracht. Neue Schulbücher drucken, geänderte Wörterbücher auflegen und die Lehrerschaft per Verordnung auf die neue Schreibe einzuschwören, hat offenbar nicht gereicht. Nun gilt es, das Versäumte nachzuholen, solange Dialogfähigkeit gegeben erscheint", kritisiert Kommunikationsexperte Schillhab.

Mit einer gemäßigten Kleinschreibung - ähnlich wie im Englischen - will sich nur jeder zweite Interviewpartner anfreunden, 31 Prozent sind mit Nachdruck gegen eine solche Veränderung. Sich selbst zu den zumindest teilweisen AnwenderInnen der neuen Schreibregeln zählen mäßige 10 Prozent, 3 Prozent setzen bereits voll auf die reformierte Schreibweise. Daß die finanziellen Mittel, die für die Rechtschreibreform einzusetzen sind, "sehr sinnvoll investiert" sind, leugnen immerhin 84 Prozent. Klare 61 Prozent widersprechen der Aussage, "die Reform bringe für die Schulkinder eher mehr Vorteile als Nachteile". Nur 10 Prozent sehen besondere Vorteile für Österreichs Schuljugend. Sehr sicher rechnen die ÖsterreicherInnen mit weitreichender Verunsicherung durch das Reformprojekt. 60 Prozent ahnen ein perfektes Rechtschreibchaos hierzulande, insgesamt befürchten 86 Prozent mehr oder weniger ausgeprägte Verunsicherung der Menschen in ihrem Schriftverkehr. In einem Ranking nach dem Schulnotensystem orten die Umfrageteilnehmer die Nutznießer der Rechtschreibreform am ehesten unter den Verlegern (Profit-Note 1,8), im Buchhandel (Note 2,0) und den Schulbehörden Notenschnitt 3,3. Den geringsten Nutzen wollen die Interviewten bei sich selbst sehen. Sie geben sich die Profit-Note 4,1 - ein Genügend also.

"Ich bin dafür, die Reform vorerst einmal zu stoppen", schlägt kritisch der Fragebogen vor. Dieser Meinung schließen sich 48 Prozent der Befragten ohne den geringste Vorbehalt an. Insgesamt treten 70 Prozent für eine vorläufige Reformpause ein. 14 Prozent sind für ein Fortsetzen des Reformprogrammes ohne Wenn und Aber. "Zurück an den Start. Oder aber zumindest deutlich mehr Dialog mit den BürgerInnen. Das ist die klare und unmißverständliche Botschaft dieser repräsentativen Umfrage. Auf ein Einschlafen der Diskussion darf nicht gehofft werden" faßte ÖKONSULT-Chef Joschi Schillhab die Ergebnisse der Befragung zusammen.

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Joschi Schillhab
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