Industrie: Gewerkschaftliche Widersprüche nur ein Sommergewitter?

Lamel: "Was im Mai jeden gefreut hat, ist im August plötzlich verwerflich und unverständlich"

Wien (PWK) - Die Bundessektion Industrie der Wirtschaftskammer Österreich konnte in ihrer Industriekonjunktur-Pressekonferenz im Mai 1997 aufgrund der verbesserten Konjunkturdaten berichten, daß sich der 1996 für heuer prognostizierte Arbeitsplatzverlust von 15.000 bei 8.000 einpendeln wird. Dies wurde von allen Seiten positiv aufgenommen. Jetzt im August, wo sich die Daten der Industriekonjunktur stabilisiert haben und die Bundessektion Industrie erfreulicherweise bestätigen konnte, daß eben "nur" 7.000 bis 8.000 Jobs verloren gehen werden, empören sich die Vertreter der Arbeitnehmerseite. "Worüber man sich also im Mai gefreut hat, das ist im August plötzlich verwerflich und unverständlich. Dem vermag die Industrie nicht ganz zu folgen. Eine positive Tendenz wird sichtlich aus taktischen Gründen von den Gewerkschaften und der Arbeiterkammer negativ interpretiert, was sehr zu bedauern ist, erklärte Joachim Lamel, Syndikus der Bundessektion Industrie, "da die Industrie in allen ihren Veröffentlichungen Wert darauf gelegt hat, mit Augenmaß zu handeln". ****

Die Wettbewerbsfähigkeit der österreichischen Wirtschaft als hervorragend hinzustellen, zeigt eine beträchtliche Ignoranz, haben wir doch in allen internationalen "Wettbewerbsrankings" massiv an Boden verloren. Auch der vorletzte Rang beim Wachstum des Bruttoinlandsprodukts in der EU ist wohl kein Nachweis einer "boomenden Wirtschaft", die die Gewerkschaft zu sehen vermeint und zeugt auch nicht gerade von einem Spitzenplatz in der internationalen Wettbewerbsfähigkeit. "Vor Illusionen wird gewarnt", mahnte vor wenigen Wochen schon Helmut Kramer vom WIFO, als eine Zeitung plötzlich vom Höhepunkt und Zenit der Fitness unserer Unternehmen sprach. Die Lohnstückkosten sind nur ein Indikator für die Konkurrenzfähigkeit. Die Verbesserung der Lohnstückkostenposition durch die diesmal für Österreich positiven Wechselkursänderungen können nicht als Strukturverbesserung der österreichischen Industrie gewertet werden. Der Produktivitätsfortschritt beruht auf Rationalisierungsmaßnahmen im Personalbereich. Was von Arbeitnehmerseite weiters als Belege für eine angeblich so hohe Ertragskraft der österreichischen Industrie angeführt wird, erweist sich beim Blick über den Zaun als die dringend notwendige Annäherung an das europäische Niveau. So liegt etwa die Eigenkapitalquote von 30 Prozent unter dem EU-Durchschnitt von 33 Prozent, die Umsatzrentabilität von 2,7 Prozent ist zwar im EU-Durchschnitt gleich hoch, in einigen EU-Ländern, wie etwa Holland, jedoch mit 7,4 Prozent deutlich höher. Betrachtet man also die österreichische Industrie im internationalen Vergleich, so kann daraus keineswegs die angeblich so hervorragende Position abgeleitet werden.

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