Frühstücken auch künftig mit Tiffany

Seibersdorfer Forscher entwickeln in Zusammenarbeit mit der Akademie der Bildenden Kunst (ABK), der TU Wien und dem Museum für Angewandte Kunst (MAK) ein zerstörungsfreies Verfahren zur Identifizierung und Klassifizierung irisierender Jugendstilgläser

Wien (OTS) - Ziel eines neuen Seibersdorf-Projektes (Dr. P.
Krejsa, Dr. M. Peev, E. Metzker) gefördert von der Österreichischen Nationalbank ist die Entwicklung eines zerstörungsfreien Verfahrens zur Identifizierung und Klassifizierung irisierender Jugendstilgläser.

Das Verfahren soll auf objektiven Messungen basieren und relativ schnell und einfach anzuwenden sein. Die Methoden, die dafür zum Einsatz kommen, stammen aus der Werkstoffwissenschaft und der angewandten Mathematik und wurden bereits unter teilweise anderen Gesichtspunkten erfolgreich in archäometrischen Studien angewandt. Für Kunsthistoriker und Naturwissenschafter eröffnet sich im Rahmen dieses Projektes ein interdisziplinärer Dialog zum Austausch ihrer Erfahrungen.

Jugendstilgläser - d.h. Kunstglas aus der Zeit um 1900 - waren schon zur Zeit ihrer Entstehung begehrte Sammelobjekte. In den 50er Jahren kam es zu einer Wiederentdeckung des Jugendstilglases und seitdem ist steigendes Sammlerinteresse zu verzeichnen. Heute besitzen zahlreiche Museen und Privatsammler in Europa und auch in den USA hervorragende Sammlungen und sind ständig an Neuerwerbungen interessiert. Daneben wurde das Jugendstilglas aber auch zum Thema intensiver wissenschaftlicher Arbeiten. Die bisherigen Untersuchungen gingen dabei von einem kulturhistorischen Ansatz aus. Zusätzlich lieferte Material aus den Archiven direkte oder indirekte Hinweise auf die Herkunft der untersuchten Objekte.

Bis jetzt wurde jedoch noch keine systematische Analyse mit Hilfe objektiver Meßmethoden an Jugendstilgläsern durchgeführt. Daher fehlen werkstoffbezogene Verfahren zur Identifikation und Klassifikation von Jugendstilgläsern. Diese würden die Kunsthistoriker mit einem wichtigen zusätzliche Werkzeug ausrüsten. Oft kann die Herkunft eines Glasobjektes nicht belegt werden, da es keine Dokumente oder Signaturen gibt. In solchen Fällen kann sich der Experte bei der Bestimmung nur durch sein ästhetisches Gefühl leiten lassen. Und diese Methode, auch wenn sie auf langer Erfahrung beruht und zweifelsfrei funktioniert, bleibt eine rein subjektive.

Das Verfahren, das in Seibersdorf, ABK, TU und MAK entwickelt wird, soll die auf Messungen basierende "Erkennung" - d.h. Identifizierung und Klassifizierung - des Objektes ermöglichen. Die Ausgangsphase beschränkt sich auf die Untersuchung irisierender Jugendstilgläser, da dieser Glastyp - vertreten durch die zwei führenden Erzeuger Lötz (Österreich-Ungarn) und Tiffany (USA) - sehr genau definiert ist. Noch um 1900 galten die Produkte der beiden Manufakturen als sehr ähnlich. Lötz folgte dem "Pionier der irisierenden Gläser" Tiffany auf dem Fuße. Diese Gläser wurden daher oft als "à la Tiffany" bezeichnet und verkauft. Detaillierte Untersuchungen (insbesondere der Originalpatente) zeigen, daß Lötz dabei alternative Technologien entwickelte und trotzdem Einfluß, den Tiffany-Gläser zweifellos ausübten, zu durchaus eigenständigen Produktionen gelangten. Die erste Anforderung an die Materialwissenschaften stellt sich somit in einer verläßlichen Unterscheidung dieser beiden Typen irisierenden Glases und in ihrer Abgrenzung gegenüber Produkten anderer Provenienz. Die neue Erkennungsmethode sollte dann auch generell zur Bestimmung von Jugendstilgläsern anwendbar sein.

Die Identifizierung selbst ist nicht das Hauptproblem, da eine Vielzahl von bereits erprobten materialwissenschaftlichen Verfahren dafür herangezogen werden kann. Die Schwierigkeit liegt vielmehr im hohen Wert der Kunstgegenstände, der eine völlig zerstörungsfreie Methode fordert. Auch sollte eine Bestimmung mit nicht allzu großem Geräteaufwand möglich sein und die Auswertung der Messungen rasch und vollautomatisch mit Hilfe geeigneter Rechneralgorithmen, Datenbanken etc. erfolgen. Ein solches Instrument würde eine wertvolle Ergänzung der traditionellen kunsthistorischen Bewertung darstellen.

In seinem Lösungsansatz befaßt sich Seibersdorf mit der Bestimmung jener physikalischen und chemischen Eigenschaften von (irisierendem) Glas, die eine "Erkennungsprozedur" für die gewünschte Sorte gestatten. Da eine der Hauptanforderungen ein zerstörungsfreies Erkennungsverfahren darstellt, wurde festgelegt, diese Eigenschaften primär mittels spektroskopischer Methoden zu untersuchen (Idee E. Metzker). Weiters wird überprüft, ob zwischen diesen Eigenschaften und den Daten, die über die Jugendstilglas-Technolgoien erhalten sind, ein definitiver Zusammenhang besteht. Eine eingehende Untersuchung der relativen Vorteile der verfügbaren Mustererkennungsverfahren soll als Basis für die Wahl eines geeigneten Algorithmus zur Datenverarbeitung dienen.

Für ihre Untersuchungen können die Forscher auf eine umfangreiche Sammlung von Jugendstilglasfragmenten zurückgreifen. Diese Sammlung wurde von Brig. Ch. Clausen zusammengestellt, der auch der Initiator des Untersuchungsprogrammes ist. Die darin enthaltenen Tiffany-Gläser stammen zum Großteil von dem Depot der "New York Historical Society". Einen Teil der Lötz-Gläser stellte Dr. J. Mergl vom Passauer Glasmuseum zur Verfügung. Schließlich stammen ca. 1/3 der Gläser aus dem Privatbesitz von Brig. Ch. Clausen, der sowohl Tiffany- und Lötz-als auch Scherben des zeitgenössischen Künstlers Jack Ink, die zu Vergleichsmessungen herangezogen wurden, umfaßt. Experimente mit diesen "Scherben" gesicherter Herkunft dienen als Grundlage zur Erarbeitung einer Methode, die es rasch und wirtschaftlich erlaubt, die kostbaren "Prüflinge" verläßlich und ohne die kleinste Beschädigung zu klassifizieren.

Als nächster Schritt ist vorgesehen, die bereits bestehende Sammlung durch Musterplättchen, die sich im Besitz des Museums für Angewandte Kunst (Studiumsammlung) befinden, zu erweitern. Das Untersuchungsprogramm besteht aus experimentellen und numerischen Studien. Der experimentelle Teil beschäft sich mit der Untersuchung der Scherben oder Musterplättchen mittels folgender Methoden:

  • Infrarot (Transmission und Reflexion) - Spektrometrie (Durchführung im Forschungszentrum Seibersdorf)
  • Raman-Spektrometrie (Durchführung an der Technischen Universität Wien, Institut für Analytische Chemie, Prof. Keller)
  • Röntgen-Fluoreszenz-Analyse (XRF), Durchführung an der Akademie der Bildenden Künste, Institut für Farbenchemie, Prof. M. Schreiner
  • Rasterelektronenmikroskopische Untersuchungen (REM), Durchführung an der Technischen Universität Wien, Institut für Analytische Chemie, Prof. M. Schreiner

Ziel dieser Experimente ist die Entwicklung bzw. Eichung der Verfahren für zerstörungsfreie Identifizierung und Klassifizierung von Jugendstilglasobjekten. In weiterer Folge wird eine Realisierung der genannten Methoden (Infrarot, Raman, XRF) angestrebt, die für Untersuchungen an ganzen Glasgegenständen, die auch komplizierte geometrische Formen aufweisen können, eingesetzt werden können.

Die numerischen (algorithmischen) Methoden umfassen:
- Principal Component Analysis
- Fisher Projektion
- Neuronale Netzwerke
- Erstellung einer Datenbank, die charakteristische Merkmale ("finger prints") enthält und in weiterer Folge Automatisierung des Identifikationsprozesses durch Verknüpfung von Mustererkennungsprogrammen mit elektronisch gespeicherten experimentellen Daten.

(Siehe auch APA/OTS-Bild)

Rückfragen & Kontakt:

Österr. Forschungszentrum Seibersdorf
Momtchil Peev
Tel.: 02254/780-2657
E-mail: peev@arcs.ac.at

ORIGINALTEXT-SERVICE UNTER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | OFS/OTS