Greenpeace-Chef Bodes harte Worte vor UN-Umweltgipfel

New York/Wien (OTS) - Mit den Sätzen "Greenpeace anerkennt die Ehre, vor der mächtigsten Versammlung souveräner Regierungen der Welt sprechen zu können. Trotzdem sehen Sie mich betrübt vor sich." eröffnete Thilo Bode, Geschäftsführer von Greenpeace International, seine heutige Ansprache an die Vollversammlung der Vereinten Nationen. Bode ging mit der Untätigkeit der Regierungen in Sachen Umweltschutz hart ins Gericht und forderte die anwesenden Politiker auf, ihren "Worten auch Taten" folgen zu lassen; "denn Worte allein", so Bode, "können diesen Planeten nicht mehr retten."

Bode warf den Regierungsvertretern in seiner Rede vor, "trotz der Warnsignale" nicht gehandelt zu haben, "wo sie handeln hätten sollen": "Sie haben sich kommerziellen Interessen untergeordnet und Sie haben nationale Interessen vor das Wohlergehen zukünftiger Generationen gestellt." Obwohl es auch - hart erkämpfte - Erfolge im Umweltschutz gebe, dürfe man denen nicht auf den Leim gehen, die immer wieder "ein paar beruhigende Trends ins Treffen führen und den Kampf um die Rettung der Erde für siegreich erklären."

Bode zitierte auch den aktuellen UN-Umweltbericht, der belegt, daß die Ausbeutung sich erneuernder Quellen - Land, Wald, Süßwasser, Küsten- und Fischfanggebiete sowie Luftraum - "über der natürlichen Regenerationsfähigkeit" liege und somit "untragbar" sei. So weiterzumachen wir bisher, sei also keine Option mehr, so Bode: "Was immer Sie in Rio versprochen haben, hat sich - trotz der Hoffnungen der gesamten Menschheit - zum Schlechteren gewandt."

Abschließend zog Thilo Bode eine historische Parallele von der Abschaffung der Sklaverei über die Entkolonialisierung und die Annahme der internationalen Erklärung der Menschenrechte zur heute vordringlichen Aufgabe, eine gesunde, nachhaltige Umwelt für zukünftige Generationen zu sichern.

Es sei üblich geworden, so Bode, alle Macht bei multinationalen Firmen und Institutionen eines globalisierten Marktes zu orten und den Regierungen Handlungsspielraum abzusprechen. Dagegen meinte der Greenpeace-Chef: "Lassen Sie nicht zu, daß dieses Argument die Macht und die Verantwortlichkeit negiert, die Sie gemeinsam besitzen, um umweltgerechte und soziale Grenzen, Kontrollen und Standards zu setzen. Jeder von Ihnen hat Verantwortung als Lenker einer Nation. Aber noch größer ist Ihre Verantwortung als Bewohner unserer Erde. Ihre Worte allein werden diesen Planeten nicht retten. Das Überleben unserer Erde wird vielmehr in hohem Maß davon abhängen, wie sehr Ihren Worten auch Taten folgen, und wie sehr Ihre Vorsätze zu entschlossenen Handlungen führen."

Ansprache von Dr. Thilo Bode, International Executive Director von Greenpeace, an die Vollversammlung der Vereinten Nationen

Dienstag, 24. Juni 1997, 5.45 p. m. (Ortszeit)

Herr Vorsitzender Razali, Herr Generalsekretär Annan, Exzellenzen, sehr geehrte Damen und Herren!

Greenpeace anerkennt die Gelegenheit und Ehre, vor der mächtigsten Versammlung sou-veräner Regierungen der Welt im Namen tausender Umweltorganisationen sprechen zu können. Wir verstehen dies als Wertschätzung unserer gemeinsamen Arbeit und Analysen. Dennoch sehen Sie mich betrübt vor sich.

Meine Anwesenheit vor diesem Forum bestätigt die Tatsache, daß Sie -trotz der Warnsignale Ihrer Regierungen - nicht gehandelt haben, wo Sie handeln hätten sollen. Sie haben sich kommerziellen Interessen untergeordnet und Sie haben nationale Interessen vor das Wohlergehen zu-künftiger Generationen gestellt.

Einige führen immer wieder ein paar beruhigende Trends ins Treffen und erklären den Kampf um die Rettung der Erde für gewonnen.

Zweifellos gab es auch Siege:

In einigen Ländern wurden große Fortschritte bei der
Verbesserung der Qualität von Luft und Grundwasser erzielt;

wir haben eine fast globale Einigung über ein Verbot von
gewissen anthropogenetischen giftigen Chemikalen erzielt;

wir haben ein internationales Übereinkommen über ein
Handelsverbot von bestimmten Formen des Giftmülls erwirkt;

die Nationen der Welt haben sich auf Protokolle zum Schutz
von gefährdeten Arten geeinigt; ein Moratorium über kommerziellen Walfang hat für einige Arten das fast schon sichere Aussterben abgewandt;

ein internationales Übereinkommen hat die Entsorgung von
Atommüll im Meer verboten;

Das Protokoll von Montreal enthält das Versprechen, die
Zerstörung der Ozonschicht einzuschränken; eine jahrzehntelange Phase der Regeneration kann somit beginnen;

letztes Jahr beendete die Staatengemeinschaft die
Atomwaffen-Tests;

und Anfang dieses Jahres verpflichteten sich Regierungen in
Nairobi, einen neuen weltweiten Vertrag für das Verbot von nicht abbaubaren organischen Schadstoffen auszuhandeln.

Das alles sind beachtliche Siege nach langen Kämpfen. Diese Siege bedeuten jedoch auf keinen Fall, daß wir der Zerstörung unserer Umwelt Einhalt geboten haben. im Gegenteil.

Herr Vorsitzender, das Sekretariat der Vereinten Nationen hat hervorragende, professionelle Arbeit geleistet im Aufzeigen des wahren Ausmaßes der Umweltkrisen, denen wir uns gegenüber sehen.

So heißt es in der "Globalen Umweltprognose" der UNEP (United Nations Environmental Programme) auch wörtlich: "Die Ausbeutung sich erneuender Quellen - Land, Wald, Süßwasser, Küstengebiete, Fischfanggebiete und Luftraum - liegt über der natürlichen Regenerationsfähigkeit und ist daher untragbar."

"Business as usual" ist keine Option mehr. Was immer Sie, sehr geehrte Damen und Herren, 1992 in Rio versprochen haben, hat sich -trotz der Hoffungen der gesamten Menschheit - zum Schlechteren gewandt; in vielen Bereichen sogar um einiges rascher als vor fünf Jahren.

Das Eis an den Polen schmilzt, die Wälder verschwinden, wir verändern die Jahreszeiten, die Fische im Meer werden immer weniger, wir vergiften unsere Kinder mit nicht abbaubaren Schadstoffen und sammeln atomaren Abfall zum großen Schaden zukünftiger Generationen. Mit der steten Erhöhung unserer CO2-Emissionen, sehen wir dabei zu, wie wie wir das globale Klima dramatisch verschlechtern.

Die große Mehrheit der Nationen hat sich im "Rahmenvertrag über Klimatische Verän-derungen" verpflichtet, "gefährliche, vom Menschen verursachte Eingriffe in das klimatische System, zu verhindern". Dies ist eine Verpflichtung, die - und darin stimmen wir alle überein -Grund zur Hoffnung gibt.

Die Wirklichkeit sieht jedoch leider anders aus:
Kohlendioxid-Emissionen werden in bislang unerreicht hohem Maß in die Atmosphäre geblasen. Der Meeresspiegel steigt, sodaß gesamte Nationen, die heute hier vertreten sind, überschwemmt zu werden drohen. Die Häufigkeit extremer Wetterereignisse, so zum Beispiel Milliardenschäden verursachende Stürme, hat in hohem Ausmaß zugenommen.

Die Industrieländer müssen sich gesetzlich verpflichten, ihre Kohlendioxid-Emissionen bis zum Jahr 2005 um ein Fünftel der Werte von 1990 zu verringern. Tun sie das nicht, kann das Ver-sprechen, "gefährliche, vom Menschen verursachte Eingriffe in das klimatische System zu ver-hindern" keinesfalls gehalten werden. Die Welt kann sich jedoch die Nichteinhaltung dieses Versprechens nicht leisten. Das Schicksal dieses Planeten hängt von Ihrem Mut oder Ihrer Unentschlossenheit ab: davon nämlich, wie Sie mit der Herausforderung, welche die globale klimatische Veränderung an uns stellt, umgehen werden. Die erste Prüfung, in deren Rahmen Sie Ihren Mut unter Beweis stellen können, werden die Verhandlungen zur Klimakonvention im Dezember des Jahres in Kyoto sein.

Herr Vorsitzender, wir fordern die Vereinten Nationen auf, den unverzüglichen Ausstieg aus fossilen Brennstoffen zu deklarieren. Weltweit bestätigen Wissenschafter, daß katastrophale klimatische Zerstörungen nur dann zu vermeiden sein werden, wenn drei Viertel der bekannten Ölreserven in der Erde verbleiben. Warum erlauben - ja, unterstützen - die Regierungen der Vereinigten Staaten und Groß-britanniens sogar die Suche nach neuen Ölquellen im Atlantik und in Alaska angesichts dieser Erkenntnisse ?

Saubere, erneuerbare Energie gibt es im Überfluß. Um den steigenden Energiebedarf zu decken und Arbeitsplätze im Energiebereich zu sichern, müssen wir alles daran setzen, fossile Brenn-stoffe durch Solar- oder andere Formen erneuerbarer Energien zu ersetzen. Vorrang muß dabei die Deckung des Energiebedarfs in den Entwicklungsländern haben.

Der Abbau unserer Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen muß eine Neuanpassung der grundlegenden Wirtschaftsstrukturen in vielen unserer Gesellschaften mit sich bringen. In einigen Bereichen wird dies mit Kosten verbunden sein, aber in vielen mehr werden die Vor-teile überwiegen. Eine neue, grüne Wirtschaftsstruktur wird sich sehr von der des Zeitalters der fossilen Brennstoffe unterscheiden und im Endeffekt nicht weniger produktiv sein.

Alternativen zu fossilen Brennstoffen und der Atomkraft, Alternativen zum chemieaufwendigen und genmanipulierten Ackerbau, Alternativen zu Holz aus Regenwäldern gibt es und sie haben sich schon bewährt. Studie um Studie haben wir deutlicher gesehen, daß umweltgerechte Alternativen eine gesündere, nachhaltige Wirtschaft fördern. Ebenso ist offensichtlich, daß umweltschädigende Technologien sowohl den Gesellschaftsstrukturen als auch der Wirtschaft Schaden zufügen. Solar- und Windenergie, biologischer Ackerbau und saubere Industrieformen bedeuten zusätzliche Arbeitsplätze.

Das Verlangen unserer Wirtschaft nach Öl ist genau so stark wie das Verlangen eines Rauchers nach Nikotin. Was alles noch schlimmer und dringlicher macht: Während die Verbrennung von Öl die Gesundheit des gesamten Systems gefährdet, schneiden wir wie mit einem Skalpell zusätzlich Stück für Stück unersetzbare Teile aus den Lungen unseres Planeten, unseren Wäldern.

Herr Vorsitzender, die Vereinten Nationen haben mit der Konvention über Biologischen Arten-reichtum in Rio einen großartigen Vertrag ins Leben gerufen. Die vielen Pflanzen und Tieren jedoch, die von den Wäldern abhängig sind, können nicht allein von einem Vertrag leben, wieviele Zusätze dieser auch immer haben mag.

Während wir heute hier sitzen, werden in diesem Augenblick die letzten großen Bestände der nördlichen Regenwälder an der Pazifikküstevon British Columbia in Kanada, aber auch in den Vereinigten Staaten von Amerika geschlägert. Dieses Gremium hat zu Recht die Bewahrung der großen, zunehmend verschwindenden Bestände im Amazonasgebiet, dem Kongo und Papua-Neuguinea verlangt. Ist es legitim, Brasilien aufzurufen, die Zerstörung des Amazonas-gebietes durch illegale Schlägerungen zu stoppen, wenn gleichzeitig zwei der reichsten Nationen der Erde, Kanada und die Vereinigten Staaten von Amerika nämlich, ihre letzten verbliebenen Regenwälder bis zur Vernichtung abholzen? Wir müssen jeder Art von Zer-störung unserer noch verbliebenen Urwälder, wo auch immer auf dieser Welt sie liegen, um-gehend Einhalt gebieten.

Herr Vorsitzender, die Abschaffung der Sklaverei, die Entkolonialisierung und die Annahme der Internationalen Erklärung der Menschenrechte waren bahnbrechende Ereignisse in der Ge-schichte der Menschheit; Momente, in denen Personen und schließlich ganze Nationen über-legte Schritte zur wahren Menschlichkeit gesetzt haben. Was heute als selbstverständlicher Fortschritt gesehen wird, erschien einst als undenkbar. Heute befinden wir uns wiederum an einer solchen Schwelle: Heute zählt es zu den größten Aufgaben der Regierungen dieser Welt, eine gesunde, nachhaltige Umwelt für zukünftige Generationen zu sichern. Dies ist wohl eine der dringendsten Aufgaben, mit denen Sie alle konfrontiert sind. Jede Lebensform, die wir verlieren, verlieren wir für immer. Und wir verlieren zu schnell zu viele Lebensformen.

Der Fortschritt zum Schutz unserer Umwelt wird Geld kosten. Aber mit Geld allein ist es nicht getan: Die Industrieländer dürfen sich nicht aus ihrer Verantwortung stehlen, indem sie in Ent-wicklungs-ländern investieren. Ebensowenig dürfen die Entwicklungsländer die globale Um-welt-krise als Argument für Investitionen in ihre Länder nutzen. Unsere Welt braucht wirkungsvolle Programme sowie verbindliche Verpflichtungen und Übereinkommen, die ent-sprechend umgesetzt werden müssen.

In einer Welt, in der die Interessen einzelner souveräner Staaten denen der weltweiten Gemeinschaft, deren Teil sie sind, in Konkurrenz gegenüberstehen, stellt sich Frage, wer seine Stimme erheben wird, um uns alle aufzurufen, die schwierigen Entscheidungen zu fällen, die getroffen werden müssen, um die Zukunft unseres Planeten zu retten?

Wenn multinationale Konzerne und nationale Regierungen ein kurzfristiges Interesse in der Erschließung neuer Ölvorkommen sehen, obwohl sie wissen, daß es das Interesse der Weltgemeinschaft - also unser gemeinsames zukünftiges Interesse - verlangen würde, die Ölvorkommen unberührt zu lassen - wer wird dann die Stimme erheben, um Rechenschaft zu ver-langen?

Wenn die Urwälder unserer Erde und die davon abhängigen Arten durch nicht wieder rückgängig zu machende Zerstörung bedroht werden - wer wird seine Stimme erheben und denen, die unser gemeinsames Erbe zerstören, Einhalt gebieten?

Es ist leider üblich geworden, zu meinen, daß Regierungen sehr wenig unternehmen können, und daß heutzutage alle Macht bei multinationalen Firmen und Institutionen eines globalisierten Marktes liegt. Lassen Sie nicht zu, daß dieses Argument die Macht und die Verantwortlichkeit negiert, die Sie gemeinsam besitzen, um umweltgerechte und soziale Grenzen, Kontrollen und Standards zu setzen.

Tun Sie nur das, was politisch notwendig ist, und nichts weiter, werden sich Ihre Handlungen gegen das Überleben der Erde richten. Jeder von Ihnen hat Verantwortung als Lenker einer Nation. Aber noch größer ist Ihre Verantwortung als Bewohner unserer Erde.

Ihre Worte können diesen Planeten nicht retten. Das Überleben unserer Erde wird in hohem Maß davon abhängig sein, wie sehr Ihren Worten auch Taten folgen, und wie sehr Ihre Vorsätze zu entschlossenen Handlungen führen.

Vielen Dank, sehr geehrte Damen und Herren.

Rückfragen & Kontakt:

Matthias Schickhofer, Attila Cerman
Greenpeace Östereich, Tel. 01/7130031-0

ORIGINALTEXT-SERVICE UNTER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | GRP/OTS