ÖsterreicherInnen sagen "ja, aber..." zum Euro

Wien (OTS) - Eine grundsätzliche Zustimmung zum Projekt Euro, erhebliche Informationsdefizite, die sichere Erwartung von Belastungen, tiefes Mißtrauen gegenüber allzu optimistischen Versprechungen der Euro-Befürworter und das überraschende Einverständnis mit einer Aufgabe des österreichischen Schillings zugunsten der gemeinsamen Europawährung prägen die Ergebnisse der ÖKONSULT-Umfrage. Besonders überrascht das Ausmaß der Zustimmung zum Neuen Geld.

ÖKONSULT, das unabhängige Institut für Umweltforschung und Management Consulting, hat im Zeitraum vom 10. bis 13. Juni insgesamt 1.521 ÖsterreicherInnen befragt, wie sie zur Währungsunion stehen. Dabei erklärten 97 Prozent, von der bevorstehenden Währungsreform schon gehört oder gelesen zu haben. 92 Prozent konnten völlig ungestützt oder nach Vorgabe unterschiedlicher Währungsbezeichnungen richtig den "Euro" als den Namen des Neuen Geldes nennen. Daß das Kleingeld "Cent" heißen wird, wußten hingegen nur mehr 26 Prozent der Befragten.

Sehr in die Tiefe geht diese Kenntnis allerdings nicht. Eine vielfach erprobte Befragungsmethode von ÖKONSULT sieht vor, daß den Testkandidaten Aussagen oder Behauptungen vorgelegt werden, die sie anhand einer sechsstufigen Antwortskala von "trifft voll und ganz zu" bis "trifft überhaupt nicht zu" bewerten sollen. So wird dem Statement "Ich persönlich fühle mich sehr gut informiert, welche konkreten positiven und negativen Auswirkungen der Euro haben wird", nur von 9 Prozent vorbehaltslos zugestimmt. 29 Prozent widersprechen mit allem Nachdruck. Insgesamt erklären 58 Prozent der Befragten aus ganz Österreich im Alter von 16 bis 73 Jahren, sie würden sich bezüglich Euro mehr oder weniger uninformiert fühlen.

"Trotz massiver Informationstätigkeit zahlreicher Institutionen und Unternehmen auf allen verfügbaren Kommunikationskanälen hat die Sachinformation zum Euro die Menschen zumindest nach ihrer subjektiven Wahrnehmung nicht im erwünschten und erforderlichen Ausmaß erreicht. Das kann nicht an der Kompetenz und Sachkenntnis der Informationsträger liegen. Ich orte kommunikationsstrategische Schwächen. Es muß gelingen, die Veränderungen, die der Euro mit sich bringen wird, in die Alltagsvorstellungen und das praktische Leben der Menschen zu transportieren. Börsenspekulationen gegen den Schilling sind da zu wenig greifbar. Das Neue Geld muß zum Angreifen nahe gebracht werden", mahnt ÖKONSULT-Chef Joschi Schillhab mehr Praxisnähe der Euro-Information ein.

Eine allzu behutsame und übervorsichtige Konfrontation der Bürger mit der bevorstehenden Währungsreform scheint nach den vorgelegten Umfrageergebnissen nicht notwendig. Schließlich gestehen fast zwei Drittel der Befragten deren Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit zu. 63 Prozent aller Testpersonen stimmen der Aussage zu, ein "vereintes Europa brauche eine gemeinsame Währung". 33 Prozent tun dies ohne Wenn und Aber. Dagegen wollen 22 Prozent von einer europäischen Einheitswährung rein gar nichts wissen. Schillhab: " An einer grundsätzlichen Zustimmung zum Projekt 'Euro' gibt es nichts zu rütteln. Das bedeutet allerdings nicht, daß es an der Umsetzung keine Kritik gibt." Daß sich die Euro-Akzeptanz eher an Sachzwängen orientiert, als daß sie einer tiefen Sympathie entspringt, zeigt die ÖKONSULT-Umfrage ebenfalls. Wieder meinen 63 Prozent der Umfrageteilnehmer, "nur eine gemeinsame Währung der Europäischen Union könne die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit der EU-Staaten gegenüber den USA, Japan oder anderen wirtschaftlich potenten Ländern sicherstellen". 32 Prozent der Befragten unterstreichen diese Ansicht besonders entschieden. 21 Prozent sind völlig gegenteiliger Ansicht.

Den beschwichtigenden und ungetrübt optimistischen Prognosen erklärter Euro-Fans stehen viele leidvoll EU-geprüfte ÖsterreicherInnen mit unverhohlenem Mißtrauen gegenüber. Dem Fragebogentext, Unternehmer und Handel würden die Kosten einer doppelten Preisauszeichnung "selbst tragen und nicht auf die Konsumenten überwälzen", widersprechen 72 Prozent der 1.521 befragten Personen. Glatte 40 Prozent tun dies mit all dem Nachdruck, den ihnen die sechsstufige Antwortskala offen läßt. Nur 10 Prozent der Interviewpartner folgen dem Suggestivdruck des vorgelegten Textes ohne Vorbehalte. 63 Prozent befürchten und "rechnen damit, daß es im Zuge der Umstellung von Schilling auf den Euro zu Preissteigerungen zum Beispiel durch Rundungen nach oben" kommen wird. Jede(r) dritte Befragte rechnet sogar mit größtmöglicher Bestimmtheit mit derartigen Belastungen der Konsumenten. 14 Prozent schenken uneingeschränkt den Beteuerungen Glauben, es werde kalte Preiserhöhungen durch Rundungs"fehler" geben. "Der gelernte Österreicher zweifelt aus Erfahrung, daß nicht allzuviele derartiger Versprechen eingelöst werden. Eine starke, sanktionsautorisierte und moralisch glaubwürdige Schiedsstelle gegen Umstellungsmißbrauch ist nicht in Sicht. Ein Euro-Ombudsmann (respektive -frau) könnte fehlendes Vertrauen schaffen", regt Kommunikationsberater Schillhab an.

Vertrauensbildende Maßnahmen statt bloßer Sachinformation täten dringend Not. Ein Viertel aller ÖsterreicherInnen ist zutiefst davon überzeugt, daß "die Einführung des Euro mit Kaufkraftverlusten des Schilling verbunden" sein wird. Insgesamt teilen 56 Prozent der Befragten diese Ansicht. Weniger als 20 Prozent befürchten keinerlei Kaufkraftverluste im Zuge der Währungsumstellung. Auch die verbesserten Exportchancen der österreichischen Wirtschaft nach der Einführung des Euro könnten noch glaubhafter dargestellt werden. Zwar sieht eine Mehrheit von 59 Prozent eine solche stark erhöhte Exportchance, doch zeigt sich diese Zustimmung von großen Zweifeln geplagt. Die Zahl der deklarierten Exportpessimisten (19%) übersteigt die Zahl der ausdrücklichen Außenhandelsoptimisten (17%). Ganz besonderen Widerspruch provoziert die Aussage, der Euro als "einheitliche gesamteuropäische Währung würde viele neue Arbeitsplätze schaffen helfen". 70 Prozent der Befragten wollen dieser Sichtweise kaum Positives abgewinnen. 38 Prozent widersprechen auf das Allerheftigste. Nur 5 Prozent stimmen uneingeschränkt zu. "Von eine Welle der Sympathie, von einer Liebe zum Euro kann wahrlich nicht gesprochen werden. Den Menschen sind Nachteile, Risiken und Gefahren der gesamteuropäischen Währung sehr wohl bewußt. Es wäre verhängnisvoll, über diese negativen Aspekte nicht zu sprechen, sie zu leugnen, oder beschwichtigend über sie hinwegtäuschen zu wollen. Gefragt ist der offene, ehrliche Dialog mit den BürgerInnen. Sie sind intelligent, weltoffen und mutig genug, um auch mit schwierigen Situationen konfrontiert zu werden, wenn sie deren Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit einsehen und nachvollziehen können. Die Angst mancher Politiker, den ÖsterreicherInnen harte Wahrheiten nicht zumuten zu können, könnte fatale Folgen haben. Mut zur Wahrheit also, bitte", fordert ÖKONSULT-Leiter Joschi Schillhab.

"Der Schilling ist für unsere österreichische Identität unverzichtbar", formuliert nationalbewußt der Umfragetext. Eine klassische Suggestivfrage, sollte die erwartete Zustimmung eintreffen. Allerdings: 18 Prozent stimmen uneingeschränkt zu, insgesamt reicht der Anteil der zustimmenden Meinungsäußerungen nicht über 35 Prozent hinaus. Dagegen widersprechen unerwartete 41 Prozent mit größtmöglicher Bestimmtheit. Insgesamt widersprechen 64 Prozent mit unterschiedlicher Entschlossenheit. Schillhab: "Aus Nur-Österreichern sind Auch-Europäer geworden. Und das unerwartet schnell nach dem EU-Beitritt. Bei aller heftiger und berechtigter Kritik: das Projekt Europa hat Zukunft in Österreich." Die Kontrollfrage an anderer Stelle macht sicher: "Ich selbst trete für die Beibehaltung das österreichischen Schillings ein", legen die ÖKONSULT-Frager den Testkandidaten zur freien Beurteilung vor. Je 33 Prozent sagen mit besonderer Entschlossenheit Ja beziehungsweise Nein. Insgesamt widersprechen 52 Prozent der Befragten, während 47 Prozent der vergeschlagenen Aussage folgen. 33 Prozent meinen auf ein weiteres Statement, sie persönlich hätten "nichts dagegen, wenn der Schilling zugunsten einer einheitlichen EU-Währung aufgegeben" würde. (Gegenüber 31 Prozent, die sich nachdrücklich gegen diese Feststellung verwehren.) "Mit Erstaunen und einiger Überraschung mußten wir feststellen, daß von einer ausgeprägten oder gar hysterischen Schilling-Nostalgie keine Rede sein kann. Nach dem Motto 'wenns notwendig ist und wenn man sich's verbessern kann' werden die Österreicherinnen und Österreicher auch von ihrem Schilling Abschied nehmen. Die Globalisierung ist unaufhaltsam. Nicht zuletzt bei ihren zahlreichen Auslandsurlauben haben heimische KonsumentInnen erlebt, daß man auch mit anderen Geldscheinen als dem heimischen Schilling viele schöne Dinge erstehen kann", interpretiert Schillhab.

Nach zusammenfassender Auffassung der Befragten wird der "Euro für Österreich mehr Vorteile als Nachteile" mit sich bringen. 52 Prozent der Umfrageteilnehmer äußern diese Ansicht. 44 Prozent sind gegenteiliger Meinung. Daß die Erreichung der Maastricht-Kriterien die österreichische Bundesregierung zu einem rigiden Sparkurs gezwungen haben, können 48 Prozent der Interviewten positiv beurteilen. Exakt ebenso viele aber negativ. Die Zahl der besonders strengen Kritiker des Sparkurses im Umfeld der Währungsunion beträgt 27 Prozent.

ÖKONSULT hat von den befragten ÖsterreicherInnen die Informationstätigkeit der Bundesregierung zum Euro beurteilen lassen. Nach dem Schulnotensystem erreicht sie Notendurchschnitte zwischen einem schlechten Befriedigend und einem guten Genügend. Die Bestnote für Verständlichkeit (3,3), den schlechtesten Wert für Ehrlichkeit (3,9). Die allergrößten Nutznießer der Währungsunion werden nach Meinung der Befragten die Wirtschaft, die Großkonzerne, die Banken und der Handel sein. Der geringste Nutzen wird dem einzelnen Bürger bleiben. "Wenn trotz aller erkannten und befürchteten Nachteile des geplanten und sicher auch auf uns zukommenden Euro die ÖsterreicherInnen Ja zum Neuen Geld sagen, geschieht dies nicht im blinden Vertrauen auf verlockende Versprechungen. Im Gegenteil. Trotz verschärftem Wettbewerb, bedrohtem Arbeitsmarkt, nicht realisiertem Gitti-Tausender und schmerzhaften Sparpaketen bekennen sich die Menschen zum Projekt Europa. Und Europas Währung heißt Euro. Sagt Österreich", faßt Institutsleiter Schillhab die Ergebnisse der ÖKONSULT-Studie zusammen.

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