Offener Brief AK-VPräs. Alfred Dirnberger an Salzburger Nachrichten

Wien (OTS) - An Herrn CR Ronald Barazon, Salzburger Nachrichten =

Sehr geehrter Herr Chefredakteur!

Kommentaren auf Titelseiten von Qualitätszeitungen wie den Salzburger Nachrichten kommt wegen der damit verbundenen Beeinflussung der öffentlichen Meinung und der Meinungsbildner besondere Bedeutung zu. Erlauben Sie mir daher, Ihren Leitartikel vom vergangenen Samstag "Sozialpolitiker als Ausbeuter" auf seine Berechtigung zu hinterfragen.

Sie, sehr geehrter Herr Chefredakteur, sind also der Meinung, daß die "Geringfügige Beschäftigung" als solches etwas Vorteilhaftes ist und jene Politiker, die auch von diesen Dienstverhältnissen Sozialversicherungsbeiträge einheben wollen, Ausbeuter sind, weil sie den - kärglich, diese Anmerkung erlaube ich mir, wie wohl sie im Sinne Ihres Kommentars auch von Ihnen stammen könnte - weil sie also den kärglich Entlohnten vom sauer verdienten Einkommen etwas wegnehmen würden. Doch dabei übersehen Sie, daß die "Geringfügige Beschäftigung" von einem Gedanken der Unternehmerschaft getragen wird, nämlich dem Gedanken, möglichst viel Leistung für möglichst wenig Geld (=Entlohnung und Sozialversicherungsbeiträge) zu erhalten.

Bei diesem an sich schon unsozialen Gedankenexperiment zeigt sich vor allem eine gewaltige Unsolidarität innerhalb der Unternehmerschaft. Denn während nämlich die einen Unternehmer für ihre Dienstnehmer SV-Beiträge zahlen, lösen die anderen, vorwiegend solche im Handel, Gastgewerbe etc., Vollzeit-Dienstverhältnisse auf und ersetzen sie durch mehrere "Geringfügig Beschäftigte" Frauen. Bei der gesamten Debatte um die "Geringfügig Beschäftigten" geht es nicht darum, ob man diese Ausbeuter-Entlohnung durch einige hundert Schilling SV-Beiträge noch weiter schmälert, sondern darum, wie man Arbeit z.B. im Handel zu den ungünstigsten Arbeitszeiten (Tagesrandzeiten und Samstag-Nachmittag) besser bezahlt machen kann und die dort Tätigen sozialrechtlich auch absichert. Für etwa 52.000 Frauen ist die "Geringfügige Beschäftigung" derzeit die einzige Einkommensquelle. Und diese Frauen müssen diese Jobs annehmen, weil ihnen keine anderen mehr angeboten werden und/oder weil ihnen keine Einrichtungen zur Betreuung ihrer Kinder, die eine zeitintensivere Arbeit erlauben würden, zur Verfügung stehen.

Ich will gar nicht verschweigen, daß es auch etliche Politiker gibt, denen diese Form des Dienstverhältnisses gelegen kommt. So läßt sich wunderbar mit Statistiken mogeln. Eine Statistik über den derzeitigen Beschäftigungsstand sagt nämlich überhaupt nichts darüber aus, ob ein Zuwachs auf neue Vollzeit-Arbeitsplätze zurückgeht, oder nur auf ein paar zusätzliche "Geringfügige Beschäftigte", für die, seien wir doch ehrlich und einmal im Ausdruck volkstümlich, diese Gage zum Sterben zuviel und zum Leben zuwenig ist. Denn es stellen sich keine Millionärsgattinnen am Samstag-Nachmittag hinter die Supermarktkassa, um sich ein bisserl Taschengeld zu verdienen, sondern Frauen, die verzweifelt versuchen, Geld für die notwendigen Dinge des täglichen Lebens zusammenzukratzen.

Sehr geehrter Herr Chefredakteur, lassen Sie mich zusammenfassen:

1. "Geringfügige Beschäftigungen" vernichten Vollzeit-Arbeitsplätze.

2. Mit diesen Dienstverhältnissen werden keine Versicherungszeiten

erworben.

3. Es lassen sich damit aber Beschäftigungsstatistiken herrlich

manipulieren.

4. Die "Geringfügige Beschäftigung" spaltet die Unternehmen in zwei Gruppen: In jene, die SV-Beiträge zahlen müssen und in jene, die es sich richten können.

5. Und, wie mir leider die Erfahrung mit vielen Beschwerdeführern, die in der AK Schutz suchen, zeigt, fallen viele "Geringfügige Beschäftigte" um das Urlaubs- und Weihnachtsgeld um. Aber gehen wir davon aus, daß die Unternehmer halt nur darauf vergessen, diese Beträge, die "Geringfügige Beschäftigten" natürlich sehr wohl auch zustehen, auszubezahlen.

Ich bin überzeugt, man muß angesichts dieser Tatsachen zusammenfassend sagen, die Möglichkeit der "Geringfügigen Beschäftigung" ist Ausbeutung und es wird an den Sozialpolitikern liegen, diesen Mißstand, der den Unternehmen unverhältnismäßig viel Gewinn aus der Arbeit für unverhältnismäßig wenig Gehalt bringt, abzustellen.

Wie der Papst sinngemäßt feststellt, soll die Wirtschaft dem Menschen dienen, und nicht umgekehrt. Das muß auch in diesem Falle gelten.

Mit freundlichen Grüßen
AK-VPräs. Alfred Dirnberger
(NÖ-AAB-FCG-Fraktionsobmann)

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