Österreich begehrt: Kein Gen-Essen

Wenige Tage vor dem Volksbegehren fühlt sich bereits jede(r) zweite Konsument(in) bezüglich Gentechnik gut informiert. Ebenso viele wollen mit ihrem Nein ein gesamteuropäisches Zeichen setzen. 55 Prozent erklären, sie werden ganz sicher unterschreiben. Und das Vertrauen in Wissenschaft und Politik steht massiv auf dem Prüfstand

Wien (OTS) - "Man muß den Medien in Österreich höchstes Lob und volle Anerkennung zollen. Sie haben vorbildliche Informationsarbeit geleistet. In den vergangenen fünf Monaten hat sich die Zahl jener Bürger, die sich über Auswirkungen, Gefahren und Nutzen der Gentechnik bestens informiert fühlen, glatt verdoppelt. Soviel demokratische Diskussionskultur wird auch international Beachtung finden", unterstreicht ÖKONSULT-Chef Joschi Schillhab die meßbaren Ergebnisse des Informationsfeuerwerkes der letzten Wochen und Monate. ÖKONSULT, das unabhängige Institut für Umweltforschung und Management Consulting, hat seit dem Frühjahr 1996 fünf Umfragen mit insgesamt mehr als 7.500 Teilnehmern durchgeführt. Die jüngste, aktuelle Studie erhob die Bürgermeinungen bis wenige Tage vor dem Beginn der Eintragungsfrist. Ihr liegen 1.926 persönliche Interviews zugrunde.

Waren es etwa im November 1996 noch 35 Prozent aller Befragten, die sich völlig uninformiert zeigten, so sank die Vergleichszahl bei der aktuellen Umfrage auf 17 Prozent. Insgesamt meinen nunmehr bereits 49 Prozent der Umfrageteilehmer, sie würden um Nutzen und Risiko der Gentechnik mehr oder weniger gut Bescheid wissen. Nicht bestätigt haben sich allerdings die Erwartungen jener, die gemeint hatten, mit massiver Sachinformation den Menschen ihre Angst und ihre Ablehnung zu nehmen. Gefestigter als je zuvor zeigt sich die breite Front der Gegner der neuen Biotechnologie. Insgesamt 85 Prozent äußern die Forderung, Österreich müsse "gentechnikfreie Zone" sein. Auf der vorgegebenen sechsstufigen Antwortskala von "trifft voll und ganz zu" bis "trifft überhaupt nicht zu" schließen sich beachtliche 65 Prozent ohne die geringste Einschränkung dieser Forderung an. "Zeitungen, Radio und TV haben in den vergangenen Wochen sehr ausführlich über mögliche Nutzen und Gefahren der Gentechnik in der Landwirtschaft berichtet", stellt der Fragebogentext fest, und formuliert weiter ausgesprochen Gen-freundlich: "Dabei haben mich letztlich die Argumente der Befürworter überzeugt." 61 Prozent der Interviewpartner wollen sich damit keinesfalls identifizieren. Sturm. Insgesamt verneinen sogar 82 Prozent eine solche Behauptung. Durchaus schlüssig stellen auch 67 Prozent in Abrede, daß in der öffentlichen Diskussion die Gefahren der Gentechnik "überzeichnet und übertrieben" würden. Lediglich 7 Prozent sind absolut davon überzeugt, daß von den Gen-Gegnern in ungebührlicher Weise Gen-Teufel an die Wand gemalt würden. "Massive und umfassende Sachinformation hat die Einwände und Bedenken der ÖsterreicherInnen nicht reduziert. Das Argument, gegen Gentechnik wären vor allem die Uninformierten, kann nicht weiter gelten", betont Kommunikationsexperte Schillhab.

Einer Beispielwirkung und Vorreiterrolle Österreichs wird hierzulande besondere Bedeutung zugemessen. 49 Prozent der Befragten stimmen vorbehaltlos zu, wenn der ÖKONSULT-Text meint: "Auch in vielen anderen EU-Ländern regt sich massiver Widerstand gegen die Gentechnik. Eine solche internationale Solidarität der Gegner ist geeignet, ein Gentechnik-freies Europa zu erreichen." Der Gesamtwert an Zustimmung zu dieser Aussage erreicht sogar 82 Prozent. Demgegenüber stehen 8 Prozent, die sich von einer europaweiten Solidarität der Biotechnik-Gegner rein gar nichts versprechen.

Die Argumente kompetenter Wissenschaftler, die die Gentechnik als hoffnungsvoll und zukunftsträchtig beurteilen, sind bislang nicht eben auf fruchtbaren Boden gefallen. Man könne den Forschern "sicher vertrauen, die die weitestgehende Unbedenklichkeit der Gentechnik beteuern. Die haben das Risiko sicher im Griff", läßt der vorgelegte Text nichts an Optimismus und Vertrauen vermissen. Dennoch: 83 Prozent der Umfrageteilnehmer erweisen sich als resistent gegen allzuviel Wissenschaftsgläubigkeit. 57 Prozent widersprechen der zur Beurteilung vorgelegten Aussage sogar mit allergrößtem Nachdruck auf der sechsstufigen Antwortskala. Mit 6 Prozent hält sich der Anteil der ausdrücklichen Wissenschaftsfreaks in sehr engen Grenzen.

Großen Anklang findet dagegen die Haltung jener großen Lebensmittelketten, die sich demonstrativ (bis zur Warenvernichtung) auf die Seite der heimischen KonsumentInnen schlagen. 74 Prozent der Interviewten begrüßen uneingeschränkt die "freiwillige Garantie von SPAR, MEINL und anderen, in ihren Läden keinerlei gentechnisch veränderte Lebensmittel anzubieten und zu verkaufen". Sie finden dieses Verhalten "positiv und vorbildlich". Die Linie der Handelsriesen wird insgesamt sogar von 92 Prozent aller Befragten zustimmend bewertet. Lediglich 2 Prozent können sich mit der abgegebenen Anti-Gen-Garantie in keiner Weise anfreunden. Wenn den starken Worten der Konsumenten auch konsequente Taten folgen, hat in Österreich Cyberfood tatsächlich keinen Markt. 90 Prozent erklären, sie würden bei als gentechnisch verändert deklarierten Lebensmittel mit Kaufverweigerung reagieren. 74 Prozent äußern diesen Konsumboykott mit ganz besonderem Nachdruck. 4 Prozent haben gegen gentechnisch aufgebessertes Essen nicht das geringste einzuwenden. "Immer schon galt unsere Alpenrepublik als besonders sensibles kulinarisches Terrain. Aus heutiger Sicht und nach über 7.500 persönlichen Interviews mit KonsumentInnen müssen Genköche zur Kenntnis nehmen: Österreichs Esser bestehen auf natürlichen, echten und unverfälschten Lebensmitteln", ortet ÖKONSULT-Chef Joschi Schillhab eine derzeit unerschütterliche Abwehrfront gegen kommende Genmenüs.

Als völlig unvereinbar erweisen sich neuerlich die Begriffe "Ökoland Österreich" oder Feinkostladen Europas" mit Gentechnik am Bauernhof. Obwohl der Fragebogen bewußt wohlwollend formuliert, daß Ökoland und Feinkostladen Europas keineswegs im Gegensatz zur modernen Biotechnologie stünden, äußern 69 Prozent massivsten Widerspruch. Für insgesamt 87 Prozent gehen Ökoland und Gentechnik einfach nicht zusammen. Ganze 6 Prozent sehen zwischen den vorgelegten Begriffen keinerlei unüberbrückbare Kluft.

Gegen Gentechnik bei Lebensmitteln zu sein, ist nicht gleichzusetzen mit Wissenschaftsfeindlichkeit oder Zukunftsverweigerung. Sehr klar trennen Österreichs Bürger zwischen Medizin und Landwirtschaft. Dem Statement "Ich befürworte den Einsatz der Gentechnik in der Medizin. Bei Nahrungsmitteln lehne ich ihn ab", stimmen immerhin 68 Prozent zu, 44 Prozent sogar vorbehaltlos. 19 Prozent die dieser vorgelegten Aussage auch nur die geringste Zustimmung verweigern, belegen laut Schillhab die tiefgreifende Verunsicherung der Menschen nach den jüngsten Debatten um geklonte Tiere und möglich erscheinende Organbanken für Menschen. Institutschef Schillhab: "Die sachliche und umfassende öffentliche Diskussion auf wissenschaftlicher, politischer aber auch ethisch-moralischer Ebene muß über das Volksbegehren hinaus weitergeführt werden. Die Grundsatzdebatte steht bestenfalls am Anfang."

Die Bevölkerung erwartet, daß jeglichem Ergebnis des Volksbegehrens Respekt gezollt wird und den Forderungen legistische Umsetzungsmaßnahmen folgen. 92 Prozent der von ÖKONSULT Befragten erklären jedenfalls dezidiert, daß sie es nicht goutieren würden, sollte das Volksbegehren-Ergebnis auf die lange Genbank geschoben werden. 75 Prozent verlangen mit größtmöglichem Nachdruck, daß einem allfälligen Volksbegehrenswunsch unmittelbar gesetzliche Taten der Bundesregierung nachfolgen müßten.79 Prozent sind der Auffassung, daß die Regierung dieser Erwartung auch entsprechen wird. Nur 6 Prozent befürchten mit Sicherheit, daß sich der Gesetzgeber um eine klare Entsprechung gegenüber dem Volksbegehren drücken wird. Aber 41 Prozent hegen nicht den leisesten Zweifel, daß ein entsprechend stark unterstütztes Volksbegehren auch die eingemahnten politischen Gesetzesvorhaben erwirken wird. Klare politische Signale haben die Bürger offenbar empfangen. Zum Zeitpunkt der Befragung haben 350 Bürgermeister aller politischen Lager in ganz Österreich öffentlich ihre ausdrückliche Unterstützung für die Initiative gegen Gentechnik in der Landwirtschaft bekundet. (Mittlerweile, am Tag der Umfrage-Veröffentlichung ist deren Zahl bereits auf knapp 500 gestiegen.) Eine Mehrheit von 90 Prozent findet die abgegebenen öffentlichen Unterstützungserklärungen ausdrücklich "sehr mutig und beispielgebend". Politisches Handeln und behördliche Klarheit steht für viele ÖsterreicherInnen in der Gentechnikdebatte immer noch auf der Wunschliste. 69 Prozent verneinen die Behauptung, in der Frage der gentechnischen Veränderung von Lebensmitteln seien "die Interessen der KonsumentInnen in Österreich durch Politik und Behörden ausreichend geschützt und vertreten". Nur wenig ermutigende 6 Prozent haben uneingeschränktes Vertrauen zum Konsumentenschutz durch Behörden und die Politik. Immerhin 36 Prozent fühlen sich von diesen gänzlich im Genregen stehen gelassen. "Einen klareren Handlungsauftrag an die Bundesregierung, vor allem die befaßten Minister ist kaum denkbar. Daß die Biotechnologie Vorteile aber auch Risken birgt, wissen die Bürger auch ohne 12-Punkte-Kataloge. Was die Menschen aber von politischen Entscheidungsträgern verlangen, ist das Beziehen klarer Positionen. Mir persönlich scheint das legitim", meint Institutsleiter Schillhab.

ÖKONSULT hat die Interviewpartner auch befragt, wen sie als die primären Nutznießer forcierter Gentechnik im landwirtschaftlichen Bereich ansehen. Den geringsten Nutzen haben nach Umfrageergebnis die heimischen Konsumenten. Den größten jedoch internationale Pharma-& und Chemiekonzerne. "Wem nützt die gentechnische Veränderung von Pflanzen und Nutztieren am allermeisten", lautete die Frage, die von den Interviewten anhand der bewährten sechsstufigen ÖKONSULT-Skala von "trifft voll und ganz zu" bis "trifft überhaupt nicht zu" zu bewerten war. Dabei ergab sich die folgende Rangreihe: Am meisten profitieren internationale Pharma- & Chemieunternehmen (92%), gefolgt von multinationalen Lebensmittelkonzernen (85%). An dritter Stelle der Meistbegünstigten finden sich industrielle landwirtschaftliche Großbetriebe (82%), danach mit sehr deutlichem Abstand der Lebensmittelhandel (36%). Erst an fünfter Stelle werden die Hungernden in der Dritten Welt gereiht (25%). Mit bloß 18 Prozent stehen die österreichischen Bauern an vorletzter Stelle als "Nutznießer" der Gentechnik da. Und Konsumenten sagen über Konsumenten, sie hätten den allergeringsten Vorteil von Gen-Lebensmitteln. Nur 14 Prozent sehen irgendeinen Nutzen für Konsumenten.

"Wem nützt die Gentechnik ist jene Frage, die nicht als letzte gestellt werden sollte. Politik, Technik, Wissenschaft und Industrie müssen umfassende, ausreichende und glaubwürdige Antworten geben auf die Fragen die die Menschen bewegen. Im Falle der Gentechnik sind nach Mehrheit der ÖsterreicherInnen offensichtlich mehr Fragen als Antworten zu verzeichnen. Kommunikation kann nicht nur im Vorfeld von Volksbegehren stattfinden, wenn sie Gräben überbrücken soll", resümiert ÖKONSULT-Chef Joschi Schillhab.

(Siehe auch APA/OGS-GRAFIK)

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