Gentechnik-Debatte: Hinter der Angstmache verstecken sich politische Ziele

Kritiker haben an Widerlegung der angeblichen Gefahren selbst mitgearbeitet

Wien (OTS) - Die Gentechnik-Debatte beginnt nun bereits skurrile Züge anzunehmen: Während Greenpeace eine "anerkannte Expertin" aus dem fernen Hongkong einfliegt, um uns über gänzlich neue Schreckensvisionen von Krebsansteckung durch Gentechnik zu informieren, empören sich die Kollegen von Global 2000 darüber, daß man den Betreibern des Anti-Gentechnik-Volksbegehrens "unterstelle", ihre Aktivitäten richteten sich auch gegen die "gute" Gentechnik in der Medizin.

Gemeint wäre nur die "böse" Gentechnik in der Landwirtschaft. Doch auch zu dieser gibt es stark abweichende Erkenntnisse - sogar solche, an denen die heutigen Kritiker selbst mitgearbeitet haben; zwar nicht in Österreich, wohl aber in Deutschland, wo vor einigen Jahren tatsächlich ein ernsthafter Dialog über diese Frage geführt wurde:
Zwei Jahre lang saßen Befürworter und Gegner aus allen Bereichen (Industrie, Behörden, Wissenschaft, Umwelt- und Grüngruppen) im Wissenschaftszentrum der Freien Universität Berlin um einen "Runden Tisch", um unter Moderation des Sozialwissenschafters Prof. Wolfgang van den Daele alle mit dem Thema verbundenen Punkte abzuklären. Dabei gelang es van den Daele, durch eine "Politik der kleinen Schritte" gemeinsame Positionen zu erarbeiten, die von allen Teilnehmern akzeptiert und danach protokolliert wurden. Indem so ein Punkt nach dem anderen abgeklärt wurde, kam schließlich ein gemeinsames Abschlußdokument zustande.

Dieses enthält Schlußfolgerungen, von denen die damaligen Mitautoren (und ihre österreichischen Kollegen) heute nichts mehr wissen wollen - denn im Zuge des zweijährigen "Fact Finding" waren alle Bedenken bezüglich Gesundheits- oder Umweltrisken ausgeräumt worden. Van den Daele rückblickend: "Niemand hat ein Risiko nennen oder auch nur theoretisch beschreiben können, das spezifisch für gentechnisch veränderte Pflanzen ist, das also nicht auch bei konventionell gezüchteten Pflanzen auftritt, wie wir sie seit hunderten Jahren kennen."

Am Ende weigerten sich die Grüngruppen, das gemeinsam erarbeitete Papier zu unterschreiben. Dazu van den Daele: "Die Kritiker haben den Ergebnisse des Rundes Tisches wohl vor allem deshalb nicht zugestimmt, weil sie damit eingeräumt hätten, daß die von ihnen in der Öffentlichkeit angezettelten Risikodebatte überholt ist und die Regulierungen, die sich inzwischen international und national eingespielt haben, im wesentlichen angemessen und ausreichend sind."

Ein "Null-Risiko", so der Wissenschafter, gäbe es naturgemäß nie:
"Wo immer wir in Lebensvorgänge eingreifen, lösen wir Wirkungen aus, die wir letztlich weder vollständig voraussehen noch vollständig kontrollieren können. Wenn man wirklich meint, das sei ein hinreichender Grund, solche Eingriffe zu verbieten, müßte man konsequenterweise die Pflanzenzüchtung überhaupt verbieten."

Hinter der gegenwärtigen Panikmache sieht van den Daele primär politische Motive: "Der Streit um die Gentechnik in der Landwirtschaft wird am Thema der Risken ausgefochten...Den Kritikern geht es aber letztlich um die Entwicklung der Gesellschaft...Sollen neue Techniken durch private Entscheidung eingeführt werden dürfen?...Muß über die weitere Entwicklung nicht politisch entschieden werden? Im Hintergrund steht die Frage, ob es Alternativen zu liberalen (kapitalistisichen) Marktgesellschaften gibt oder geben müßte."

Diese politische Diskussion sieht der Sozialwissenschafter van den Daele als durchaus legitim: Man könne darüber debattieren, ob man moderne Technik braucht, um gesellschaftliche Probleme zu lösen oder ob diese Probleme nicht durch mehr Technik verschärft werden - und so weiter." Eine redliche Diskussion erfordere aber, "den Konflikt auf die politischen Fragen zu lenken, die hinter der Risikodebatte stehen."

Doch mit einer Diskussion über Sinn und Unsinn der Marktwirtschaft ließe sich - besonders in einem Land, das erst vor wenigen Jahren den Untergang des realen Marxismus hautnah miterlebt hat - wohl kaum ein Volksbegehren durchziehen.

(Die Zitate von Prof. van den Daele stammen aus einem Interview, das in der Zeitschrift "Ernährungsdienst" vom 26. Oktober 1996 erschienen ist.)

Literaturhinweis:

Daele, W. an den, Pühler, A. & Sukopp, H., 1994: Verfahren zur Technikfolgenabschätzung des Anbaus von Kulturpflanzen und gentechnisch erzeugter Herbizidresistenz. Wiss. Zentr. Berlin für Sozialforschung, Heft II.
http://artemis.wz.-berlin.de/forschung/tau/nu/utv/lit-wzb1.htm

Rückfragen: Information Sojabohne, Dr. Paul M. Sills, Telefon (0222) 505 26 25

(Information Sojabohne wird getragen von Monsanto und anderen Industrieunternehmen)

ORIGINALTEXT-SERVICE UNTER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | SKI/OTS