Weiterhin divergierende Wirtschaftsentwicklung in den Reformländern 1

Wien (OTS) - Das Wiener Institut fü Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) hat soeben seine Analyse der Wirtschaftsentwicklung in den Reformländern während des Jahres 1996 sowie die neue Prognose fü 1997 und 1998 veröffentlicht . Das regionale BIP-Wachstum fiel 1996 schwächer aus als im Vorjahr (3,5% gegenüber 5,5% im Durchschnitt der sieben Länder Mittel- und Osteuropas). Lediglich Polen und die Slowakei konnten ihre Wachstumsdynamik annähernd beibehalten. In Rußland und der Ukraine hat sich der Rückgang fortgesetzt, Bulgarien stüzte in eine schwere Rezession. In den kommenden Jahren wird sich das Wachstum in den fortgeschritteneren Reformländern nur mäßig, in Südosteuropa sogar noch etwas geringfügiger beschleunigen, in Rußland und der Ukraine düfte der Rückgang des BIP zum Stillstand kommen (Tabelle). In Polen und in der Slowakei ist das BIP-Wachstum im Jahr 1996 auf die starke Binnennachfrage, vor allem nach Investitionen, zurückzuführen.

Eine vorsichtige Wirtschaftspolitik in Slowenien, in der Tschechischen Republik und in Ungarn hat die Investitionen und somit auch das Wachstum gehemmt. In den beiden erstgenannten Ländern gingen überdies die Nettoexporte stark zurück, die ungarische Wirtschaft leidet hingegen schon seit Anfang 1995 an schwacher Binnennachfrage. In Rumänien und Bulgarien läßt die Konsolidierung der Reformen auf sich warten. Außerdem wurde zu lange eine Hochzinspolitik angewandt -dies hat hauptsächlich in Bulgarien zur gegenwärtigen Finanzkrise beigetragen. Die von Rußland und der Ukraine während des Jahres 1996 praktizierte Budget- und Geldpolitik führte zu einer deutlichen Senkung der Inflation und zu Wechselkursstabilität, war aber (vor allem hinsichtlich der extrem hohen Zinsen) kontraproduktiv in bezug auf die Investitionen und das Wachstum des BIP. Trotz niedriger Budgetdefizite und einer restriktiven Geldpolitik geht die Inflation in den fortgeschritteneren Reformländern nur langsam zurück. Zur erreichten Senkung der Inflationsrate trugen die realen Währungsaufwertungen (und die Importkonkurrenz) in wesentlichem Maße bei. In Rumänien und Bulgarien hat sich der Preisanstieg wieder beschleunigt (auch die deflationären Tendenzen in Kroatien und Mazedonien sind überwunden), in Bulgarien gibt es sogar Anzeichen fü eine Hyperinflation. Eine nachhaltige Preisstabilität in Rußland und in der Ukraine ist fraglich: die Wirtschaft wurde vom normalen Geldzufluß abgeschnitten, enorme Zahlungsrückstände wurden akkumuliert. Eine Normalisierung der Geldversorgung, die für eine funktionierende Marktwirtschaft unabdingbar ist, könnte erneut zu einer Beschleunigung der Inflation führen.

Die steigenden Leistungsbilanzdefizite in Polen, der Slowakei und der Tschechischen Republik stellten 1996 noch keine Gefahr dar, da sie durch Kapitalzuflüsse kompensiert werden konnten. Außerdem könnten diese Defizite, falls sie auf eine Expansion des Unternehmenssektors zurückzuführen sind, langfristig positive Effekte haben. Das hohe Wachstum in Polen, der Slowakei und z.T. in der Tschechischen Republik scheint dies bereits zu bestätigen. Eine gewisse Unsicherheit besteht aber im Fall der Tschechischen Republik, da dort der verzeichnete Rückgang der Währungsreserven künftige Probleme signalisieren könnte. Die Währungsreserven in Bulgarien, Rumänien und in der Ukraine sind sehr niedrig. Diese Länder ziehen nicht genügend Kapital an und können daher keine Verschlechterung der Leistungsbilanz zulassen. Diese Problembereiche werden die Wirtschaftsentwicklung auch in den kommenden beiden Jahren beeinflussen. In den fortgeschritteneren Reformländern wird sich das Wachstum nur mäßig, in Südosteuropa sogar noch etwas geringfügiger beschleunigen, in Rußland und der Ukraine dürfte der Rückgang des BIP zum Stillstand kommen. Die Wirtschaftspolitik wird mit wachsenden Handels- und Leistungsbilanzdefiziten zu kämpfen haben. Die westeuropäische Konjunktur wird kaum größeren Spielraum für eine Steigerung der Exporte zulassen. Eine spübare Exportbelebung wird vor allem von Strukturverbesserungen abhängen. Eine erfolgreiche Umstrukturierung in den Ländern mit hohen Investitionen ist möglicherweise schon 1997 zu erwarten und könnte sogar die negativen Effekte der Währungsaufwertung wettmachen.

Trotzdem werden die fortgeschrittenen Reformländer versuchen, den Zuwachs der Importe zu bremsen. Währungsabwertungen sind daher wahrscheinlich, jedoch ohne zusätzliche Maßnahmen zur Senkung des Verbrauchs und der Investitionen. Solche Maßnahmen sind eher in Bulgarien und in Rumänien zu erwarten. Die Slowakei könnte einen Anstieg der Einfuhren auch ohne Abwertung, nämlich durch Kürzung der staatlich finanzierten Infrastrukturprojekte, erreichen. Ungarn und Slowenien, wo die außenwirtschaftliche Position günstiger ist, brauchen keine zusätzlichen Beschränkungen anzuwenden, das BIP-Wachstum wird sich dort daher etwas beschleunigen. Die Hauptsorge in Rußland und der Ukraine ist der Rückgang der Produktion und der Investitionen, jedoch ist auch die Beibehaltung der relativen Preisstabilität von zentraler Bedeutung. Mit etwas Glück könnten beide Länder mit einer genügend flexiblen Geld- und Budgetpolitik sowohl eine weitere Inflationssenkung als auch endlich eine Stabilisierung der Produktion erreichen.

Diese Angaben stützen sich auf den WIIW-Forschungsbericht Nr. 233, "Varying performance: the transition economies at the end of 1996", der beim WIIW bestellt werden kann.

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(Forts)

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