Kranke und Behinderte als Risikofaktor des Gesundheitssystems?

Wien (OTS) - Nun ist es also in seiner Gesamtheit wirksam
geworden, das Sparpaket. Mit 1.Jänner 1997 sind die letzten Maßnahmen der im Jahr 1996 beschlossenen "Strukturanpassungen" in Kraft getreten.****

Ein besonderes Sparopfer wurde dabei den Kranken und Behinderten auf den verschiedensten Ebenen auferlegt. Von Kürzungen im Steuerrecht, über Maßnahmen im Pflegegeldbereich bis hin zur Einführung oder Erhöhung von Selbstbehalten, Zuzahlungen oder Gebühren im Krankenversicherungsbereich reichen die Belastungen, die diese Menschen zu (er-)tragen haben.

Einschränkungen im Hilfmittelbereich, Zuzahlungen bei Rehabilitations- und Kuraufenthalten, Erhöhung der Selbsbehalte und Rezeptgebühren, Krankenscheingebühren, Verschärfungen bei Fahrtkostenübernahmen etc.machen zwar jede Position einzeln gesehen keine horrenden Beträge aus, können aber, wenn die Kosten kumuliert zu zahlen sind den einzelnen bei weitem überfordern (Kosten von mehreren tausend Schilling monatlich kann das alles ausmachen).

Gerade deshalb stellt sich die Frage, ob dadurch nicht Effekte eintreten, die zu Erhöhungen der Kosten im Gesundheits- und Sozialsystem führen, nämlich dann, wenn sich einzelne die Inanspruchnahme von medizinischen Leistungen, von Rehabilitationsmaßnahmen, von Maßnahmen der Gesundheitsvorsorge nicht mehr leisten können, diese nicht in Anspruch nehmen und es dadurch zu wesentlichen Verschlechterungen im Gesundheitzustand kommt. Noch teurere Behandlungen, Krankenstände, Arbeitslosigkeit oder gar Pflegebedürftigkeit mit allen finanziellen Konsequenzen für die öffentliche Hand sind dann die Folge. Daß es derartige Entwicklungen gibt, und daß dies leider keine Einzelfälle betrifft, wissen wir aus der Betreuung unserer Mitglieder.

Daß die Leistungen der Medizin in den vergangenen Jahrzehnten wesentlich verbessert werden konnten, daß deshalb die Menschen-Gottsei Dank- älter werden, hat dazu geführt, daß die Kosten für die soziale Krankenversicherung gestiegen sind.

Vorausgesetzt, und davon ist jedenfalls auszugehen, daß das Gedundheitssystem in Österreich den Menschen ohne Rücksichtnahme auf wirtschaftliches Leistungsvermögen des Einzelnen zur Verfügung stehen muß, stellt sich daher die Frage, ob es sinnvoll ist, das Kostenrisiko des Krank- und/oder Behindertseins zunehmend auf jene abzuwälzen, die dieLeistungen dieses Systems brauchen, sprich, daß jene die krank und/oder behindert sind hiefür vermehrt selbst aufkommen müssen.

Ich glaube, daß das massive Einfließen von ausschließlich marktwirtschaftlichen Gedankengängen im Sozial- und Gesundheitsbereich, wie es in der BRD bereits geschehen ist (z.B.die Diskussion um Versicherungspflicht statt Pflichtversicherung) zu einer tiefgreifenden Entsolidarisierung der Gesellschaft führt und zuletzt jene auf der Strecke bleiben, die vom wirtschaftlichen Leistungsvermögen her gesehen auf der untersten Stufe der Gesellschaft stehen.Gesundheit und Genesung wird zur Frage des Geldes, das Überleben letzt Endes zur Frage des es-sich-Leisten-Könnens.

Es ist meines Erachtens höchste Zeit, daß wir uns darauf rückbesinnen, daß nur die Gesellschaft als Ganzes dazu in der Lage ist, das Sozial- und Gesundheitswesen zu tragen und daß es ein riesiger Trugschluß ist, wenn man glaubt jedes Risiko auf den Einzelnen durch Kostenaufbürdung überwälzen zu können. Wenn wir wissen, daß die Kosten durch begrüßenswerte Entwicklungen (bessere medizinische Leistungen, Älterwerden der Menschen) steigen, muß es ein klares Bekenntnis zur solidarischen Kostentragung durch ALLE Bevölkerungsgruppen geben und dazu, daß JEDER hiezu einen angemessenen Anteil zu tragen hat. Wir müssen davon insbesonders jene überzeugen, die die Leistungen des Systems (noch) nicht brauchen.

Krank- und/oder Behindertsein darf nicht zum unfinanzierbaren Risiko für den Einzelnen werden.Ansätze hiezu bestehen aber schon, sie gilt es zu beseitigen. (Schluß)

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