27.04.2012 / 18:12 / Politik

Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Macht Wohlstand friedlich?"

Utl.: Ausgabe vom 28. April 2012


Wien (OTS) - Frei nach Mark Twain: Nachrichten vom bevorstehenden
Ableben der Welt sind definitiv stark übertrieben. Daran ändern auch
die mit bemerkenswerter Lust am Untergang ausgebreiteten Storys über
die Kriegsgefahr im Mittleren Osten, das Wettrüsten in Südostasien
oder die sozialen und wirtschaftlichen Verwerfungen in Südeuropa
aufgrund der Schuldenkrise nichts.					
Deutlich zu kurz kommen dagegen Nachrichten, die die Zukunft in nicht
ganz so düsteren Farben zeichnen. Die publizistische Geringschätzung
guter Neuigkeiten ist eben eine alte Geschichte.					
Dennoch ein Versuch: Laut dem eben publizierten Bericht "Global
Trends 2030" des Pariser Instituts für Sicherheitsstudien (ISS) wird
die Zahl jener Menschen, die als Mittelklasse bezeichnet werden
können, in zwei Jahrzehnten auf 4,9 Milliarden steigen - bei einer
geschätzten Gesamtbevölkerung von dann rund acht Milliarden. Als
Mittelklasse definiert der Bericht Personen mit einem täglich frei
verfügbaren Einkommen zwischen 10 und 100 US-Dollar. Heute trifft
dies nur auf rund zwei von sieben Milliarden Menschen zu. Eine
ungeheure Wohlstandsexplosion, dass sie hauptsächlich in Asien und -
in geringerem Ausmaß - Lateinamerika stattfindet, ändert nichts an
diesem Befund.					
Mit dem Wohlstand steigt auch das Selbstbewusstsein. Wer
wirtschaftlich unabhängig ist, fordert Rechte und Freiheiten auch in
anderen Bereichen. Man muss kein Prophet sein, um vorhersagen zu
können, dass ein Gutteil der Regierungen dieser Welt aus heutiger
Sicht diesem neuen Anspruchsdenken ihrer Bürger nicht gewachsen sein
wird - mental, organisationstechnisch und politisch. Manche, vor
allen in den reichen Ländern des Westens und Nordens, wohl auch
deshalb, weil sie daran scheitern, grenzüberschreitende Lösungen für
grenzüberschreitende Probleme ins Leben zu rufen.					
Möglich, dass der steigende Wohlstand der Wegbereiter für jenes auf
gemeinsamen Werten beruhende Weltbürgertum sein wird, das der Westen
seit Immanuel Kant herbeisehnt. Sicher ist das allerdings nicht.					
Vor 150 Jahren hat in Europa eine ähnliche soziale und ökonomische
Entwicklung einem durchaus bürgerlichen Nationalismus zum Durchbruch
verholfen, dessen Folgen äußerst blutig waren. Man kann schließlich
niemandem verbieten, die gleichen Fehler noch einmal machen zu
dürfen. Gut wäre es allerdings schon.					
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