„Menschen & Mächte“-Dokumentation „Hitler und die Kinder vom Obersalzberg“ im ORF-Landesstudio Salzburg präsentiert

ORF/BR-Produktion am 22. März um 22.30 Uhr in ORF 2

Wien (OTS) - Sie waren damals noch Kinder oder Jugendliche, lebten mit ihren Familien in der Stadt Salzburg oder am Obersalzberg, gleich über der Grenze gelegen nahe dem bayerischen Berchtesgaden. Dort wo Hitlers zweiter Regierungssitz lag, der Berghof. „Ich war ein glückliches, privilegiertes Kind“, erzählt Marga Benkert (Jahrgang 1936). Das hatte mit ihrem Vater zu tun, zuständig für den Straßenbau am Obersalzberg. „Es war ein gewisser Stolz, dabei zu sein, denn als Kind war man leicht zu begeistern“, sagt der Salzburger Herbert Holzer (Jahrgang 1931). Er gehörte zu einem „Fanfarenzug“, der zu Hitlers Geburtstag am Berghof aufspielte. Heute, Jahrzehnte später, berichten diese Zeitzeugen – manche das erste Mal vor einer TV-Kamera – über die sorgenfreien Jahre am Obersalzberg, über die Besuche und Erlebnisse am Berghof. Über jenen Mann, für den Eltern oder Verwandte arbeiteten, der „lieb und freundlich war“ und gleichzeitig jüdische Kinder ebenso massenhaft ermorden ließ wie behinderte Jugendliche. Nach dem Zweiten Weltkrieg, nach Bekanntwerden der NS-Verbrechen, wurde den „Kindern vom Obersalzberg“ die Parallelität von Idylle und Schrecken recht bald deutlich. So wurden am Berghof Beschlüsse zu einigen der größten NS-Verbrechen gefasst: etwa Menschen mit körperlichen und geistigen Behinderungen zu ermorden, der Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion und auch der Beschluss, alle jüdischen Ghettos zu liquidieren, entschieden von Reichsführer SS Heinrich Himmler und Adolf Hitler am 19. Juni 1943.

Diese Parallelität von Idylle und Schrecken steht im Mittelpunkt von Robert Altenburgers „Menschen & Mächte“-Dokumentation „Hitler und die Kinder vom Obersalzberg“, einer Koproduktion von ORF, BR, Degn Film und BMB, die gestern, am 20. März 2017, von ORF-Generaldirektor Dr. Alexander Wrabetz und BR-Fernsehdirektor Dr. Reinhard Scolik im ORF-Landesstudio Salzburg präsentiert wurde und am Mittwoch, dem 22. März 2017, um 22.30 Uhr in ORF 2 zu sehen ist.
ORF-Landesdirektor Christoph Takacs begrüßte neben dem für die Doku verantwortlichen ORF-Hauptabteilungsleiter Gerhard Klein Günther Pfleger und Mucky Degn von der produzierenden Degn Film, den stellvertretenden BR-Fernsehdirektor Andreas Bönte sowie vier in der Dokumentation zu Wort kommende Zeitzeugen. Zwei von diesen, Marga Benkert und Rupert Zückert, wurden nach dem Film von Andreas Novak, dem Leiter der ORF-Zeitgeschichte-Redaktion, und dem Filmgestalter Robert Altenburger interviewt.
Ebenfalls unter den zahlreich erschienenen Gästen: die Salzburger Landtagspräsidentin Brigitta Pallauf, die Präsidentin der Salzburger Festspiele Helga Rabl-Stadler und der neue Kaufmännische Direktor der Salzburger Festspiele, Lukas Crepaz, Sepp und Heli Forcher, ORF-Stiftungsrat Matthias Limbeck u. v. m.

ORF-Generaldirektor Dr. Alexander Wrabetz: „Anspruch der ORF-Reihe ‚Menschen & Mächte‘ ist es, Zeitgeschichte aufzuarbeiten. Die Dokumentation will die brutale Inszenierung und Instrumentalisierung und die Methoden und Propagandamittel offenlegen, mit denen Kinder und Jugendliche über Jahre perfide missbraucht wurden. Das versucht die Sendung ‚Hitler und die Kinder vom Obersalzberg‘ mit Aussagen von Zeitzeugen, die die Manipulation durch das NS-Regime als Kinder erleben mussten. Ihre Erinnerungen an diese Zeit und die Reflexion aus heutiger Sicht verdeutlichen die Parallelität von scheinbarer Idylle einerseits und dem Schrecken der Nazi-Herrschaft andererseits.“

BR-Fernsehdirektor Dr. Reinhard Scolik: „Diese Dokumentation stellt sehr spannend und anschaulich den Obersalzberg als Parallelwelt zum Krieg und zu den Gräueln des NS-Regimes dar. Mit seinem zweiten Regierungssitz Obersalzberg hat Hitler ein ganzes Dorf als Propaganda-Kulisse missbraucht. Viele Gespräche mit Zeitzeugen geben ein besonderen Einblick auf die Manipulationsmaschinerie der Nazis – gesehen mit den Kinderaugen von damals und mit der Bewertung von heute.“

Andreas Novak, Leiter der ORF-Zeitgeschichte-Redaktion: „So nah und doch so fern. Der Obersalzberg und Hitlers Berghof sind in der öffentlichen Erinnerung überwiegend in Salzburg präsent, im Rest von Österreich schon viel weniger, vor allem im Osten des Landes. Grund genug, sie in der Dokumentation dementsprechend aufzufrischen. Die frühe Instrumentalisierung von Kindern im Sinne der NS-Ideologie ebenso wie die Verstaatlichung des Privaten wird am Obersalzberg und seiner Umgebung besonders deutlich. In dieser Gegend kann die Parallelität von Idylle und Schrecken dokumentarisch verdeutlicht werden.“

Gestalter Robert Altenburger: „Durch die vielen Gespräche mit Zeitzeugen, die damals weder Täter noch Opfer, sondern Kinder und Jugendliche waren, ergab sich ein vertiefender neuer Einblick in die Perfidie des NS-Regimes. Sie wurden vom Kindesalter manipuliert und instrumentalisiert.“

„Hitler und die Kinder vom Obersalzberg“ – Mittwoch, 22. März, 22.30 Uhr, ORF 2

Der Berghof, ursprünglich als Sommer-Residenz gedacht, wird ab 1933 nach Hitlers Machtübernahme in Deutschland großzügig zum zweiten Regierungssitz neben Berlin ausgebaut. Das geschieht unter der Leitung von Hitlers Sekretär Martin Bormann. Wo der „Führer“ wohnt, dort wollen auch die Paladine residieren: Martin Bormann, Luftwaffenchef Hermann Göring, der Architekt und spätere Rüstungsminister Albert Speer. Daher müssen Familien in der Umgebung ihre Häuser und Grundstücke verlassen. Wer nicht spurt, dem droht Konzentrationslager. Ein Zeitzeuge berichtet über die brutalen Methoden und die Drohungen Bormanns.

Die Dokumentation zeigt auch die bislang wenig bekannten Dimensionen des Berghofs und seiner Umgebung. Zusätzlich wurde eine SS-Kaserne errichtet, in weiterer Folge entstanden ein Gewächshaus, ein Gästehaus, eine Theaterhalle, ein Kindergarten, ein Teehaus und das „Kehlsteinhaus“ auf 1.834 Metern Höhe. Zwischen 1933 und 1945 leben und arbeiten bis zu 20.000 Menschen auf dem Obersalzberg. Hinzu kommen noch Hunderte Zwangsarbeiter aus Italien und Tschechien, die an der Errichtung der Gebäude und der riesigen unterirdischen Bunkeranlagen beteiligt sind. Etwa Zdenek Hulka aus der tschechischen Stadt Cheb, in den Jahren 1943 bis 1944 zur Zwangsarbeit für den Bunkerbau eingeteilt. Er berichtet von den lebensbedrohlichen Arbeitsbedingungen. Fast täglich gibt es Tote und Verletzte. Auch die Angst vor der Deportation in ein KZ ist ständiger Begleiter, denn man weiß von den systematischen Morden im nahegelegenen KZ Dachau.

Zur Parallelität von Idylle und Schrecken gehört auch die in Wochenschaufilmen, aber vor allem via Fotos reproduzierte Inszenierung des volksnahen und vermeintlich kinderliebenden „Führers“. Mit propagandistischer Perfektion bedient sich Hitlers Leibfotograf Heinrich Hoffmann der Motive der heilen Bergwelt, um Hitler mit Erwachsenen und Kindern in dieser Kulisse zu inszenieren. Mehr als 4,3 Milliarden Fotos dieser Art gelangen so in Umlauf. Um gezielt Kinder und Jugendliche anzusprechen, können diese Bilder in eigens dafür gedruckte Sammelalben eingeklebt werden. Als Fotomotiv diente damals auch Gerhard Bartels (Jahrgang 1932). Sein Onkel war Hitlers Feldwebel während des Ersten Weltkriegs. Hitler besucht die Familie schon vor 1933 regelmäßig. „Was hat denn der Führer gesagt?“, wurde Bartels damals gefragt. „,Nix Gescheites‘ hab ich gesagt. Ich hab damals schon einen Weitblick gehabt“, erzählt er im Interview mit Robert Altenburger.

Der Salzburger Rupert Zückert (Jahrgang 1931) etwa gehörte zu jenen, die nach der Auslöschung Österreichs im März 1938 mit den Eltern zum „Führer Schauen“ auf den Obersalzberg pilgern. Er wird aus der Menge herausgeholt, um mit Adolf Hitler für Fotos zu posieren. Viele der bislang kaum bekannten Schilderungen von Zeitzeugen aus Österreich und Bayern ermöglichen neue Einblicke in das Leben im sogenannten Führersperrgebiet, das bis nach Salzburg reichte. Als am 16. Oktober 1944 die ersten Bomben auf die Mozartstadt fallen und Herbert Holzer die ersten Toten in den Straßen Salzburgs liegen sieht, weicht die Begeisterung rasch der Ernüchterung über die Nazizeit.

Der Film thematisiert auch, wie mit dem NS-Erbe umgegangen wurde. Hitlers Berghof wird zwar 1952 gesprengt. Doch bis heute sind Ruinen und erhaltene Gebäude wie die „Kleine Reichskanzlei“ in Berchtesgaden oder das „Kehlsteinhaus“ Anziehungspunkt für Touristen – aber auch für Ewiggestrige.

Die Sendung ist nach der TV-Ausstrahlung sieben Tage auf der Video-Plattform ORF-TVthek (http://TVthek.ORF.at) als Video-on-Demand abrufbar und wird auch als Live-Stream angeboten.

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