TIROLER TAGESZEITUNG: Leitartikel vom 2. Dezember 2016 von Christian Jentsch - Ein Milliardärsclub für die Zeitenwende

Innsbruck (OTS) - Der designierte US-Präsident Donald Trump versprach seinen Wählern den Kampf gegen das Establishment und die politische Elite. Und eine Zeitenwende. Nun holt er den Klub seiner Lieblingsmilliardäre in das Regierungsteam.

Es war einmal, vor gar nicht allzu langer Zeit: Da wetterte ein gewisser Donald Trump – seines Zeichens New Yorker Immobilien-Tycoon mit Hang zum Größenwahn – als Überraschungskandidat der Republikaner im Präsidentschaftswahlkampf gegen die Eliten, gegen das Establishment, gegen die Globalisierung, gegen die Wall Street, gegen „die da oben“. Er rief zum Kampf gegen die Finanz-Industrie, zum Kampf gegen die liberalen Gutmenschen, die es sich in der globalisierten Welt gut eingerichtet haben, zum Kampf gegen die Migranten. Und erkor sich selbst zum Anwalt des so genannten „kleines Mannes“, der sich an den Rand der Gesellschaft gedrängt fühlt, der im Schatten des weltweiten Freihandels Angst um seinen Arbeitsplatz, um seine Zukunft, um seine Identität hat. Er instrumentalisierte Ängste, die von etablierten Parteien – auch in Europa – viel zu lange nicht ernst genommen und einfach unter den Tisch gekehrt wurden. Angesichts einer Globalisierung, die nur allzu oft auf die Menschen zu vergessen scheint.
Trump schwang sich zur Galionsfigur der Wutbürger und der Abgehängten auf. Er verkündete eine Zeitenwende, eine Revolution – auch wenn sein Gedankengebäude auf tönernen Füßen steht. Und Trump gewann die Wahl, stellte Washington und die ganze Welt auf den Kopf und wird am 20. Jänner zum mächtigsten Mann der Welt gekürt. Seine Regierungsmannschaft nimmt unterdessen bereits Gestalt an. Und jener Mann, der dem Establishment und der parasitären politischen Klasse den Kampf angesagt hat, umgibt sich in seinem Kabinett mit einem elitären Milliardärs-Klub, auf den er auch im Wahlkampf zählen konnte. So soll der milliardenschwere Investmentbanker und Hedge-Fonds-Gründer Steven Mnuchin, der in der Finanzkrise mit Zwangsversteigerungen von Immobilien von sich reden machte, das Finanzministerium übernehmen. Und der Finanzjongleur Wilbur Ross, der sich den Ruf „König des Bankrotts“ erworben hat, soll neuer Wirtschaftsminister werden. Auch die designierte Bildungsministerin Betsy DeVos reiht sich in den Klub der Milliardäre ein.
Sicher, das Vermögen der einzelnen Kabinettsmitglieder Trumps soll bei deren Beurteilung keine Rolle spielen. Und sicher, man kann eine wirtschaftspolitische Richtungsänderung für gut empfinden. Nur: Der vermeintliche Anführer der Wutbürger macht es sich seinerseits lieber im Establishment – Welten von seinen Wählern entfernt – bequem. Denn Trump und seine Freunde haben mit „denen da unten“ rein gar nichts zu tun.

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