TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 20. Oktober 2016 von Peter Nindler "Bewerbungs-Spiele"

Innsbruck (OTS) - Sportliche Großveranstaltungen werden nicht nur im Kopf, sondern in den Ballungszentren vor allem im Bauch ent-schieden. Nirgends ist die Skepsis so groß wie in den Städten, wo den Bürgern der Rock vielfach näher ist als Olympia.

Warum fassen Land und Stadt
Innsbruck eineinhalb Jahre vor den Landtags- bzw. Innsbrucker Gemeinderatswahlen die heiße Kiste Olympiabewerbung an? Die Finger hat sich die Politik schon mehrmals damit verbrannt. 1993 war die negative Volksbefragung der Anfang vom Ende des damaligen Innsbrucker Bürgermeisters Romuald Niescher, 1997 erteilte die Stadtbevölkerung Nieschers Nachfolger Herwig van Staa den ersten richtigen Dämpfer. Zwar hat sich die Landeshauptstadt in den vergangenen Jahren positiv gewandelt, Innsbruck bewegt sich infrastrukturell auf der Höhe der Zeit und die Olympiaruinen von 1964 und 1976 wie Bergiselschanze oder Olympiahalle sind längst wieder aufpoliert: Aber dennoch überwiegt die den Ballungsräumen innewohnende Zurückhaltung gegenüber Großveranstaltungen.
Ganz unabhängig von den noch zu klärenden Voraussetzungen, unter denen eine Bewerbung von Tirol/Innsbruck für 2026 überhaupt Sinn machen würde, ist den Städtern ganz allgemein der Rock näher als Olympia. Hamburg oder München stimmten zuletzt gegen Olympische Spiele. Wohnungsnot, hohe Lebenshaltungskosten, Verkehr, Urbanität – es sind die ganz profanen Alltagsempfindungen, die Olympia eher in die Kategorie „Skepsis“ einordnen, als ihre Perspektiven herauszuschälen. Dass „alles wohl noch teurer wird“, ist dort nicht nur dahergesagt, sondern tiefste Überzeugung.
Trotzdem: LH Günther Platter (VP) und Bürgermeisterin Christine Oppitz-Plörer, die sich oft spinnefeind sind, forcieren gemeinsam das Risikoprojekt Olympia. Vor vier Jahren war der Riss zwischen den beiden schon nicht mehr zu kitten. Also was treibt sie jetzt an? Vielleicht ziehen sie mit Olympia eine Perspektivendebatte für Tirol und Innsbruck an. Die politische Vertiefung in und mit einer Bewerbung könnte ein Trittbrett für die längst fällige Fragestellung sein, wo Tirol in 30 Jahren stehen soll. Was benötigt es neben Sportveranstaltungen und Tourismus noch? Wie gehen wir gesellschaftlich mit dem Stadt-Land-Gefälle um, wie mit dem Klimawandel in den Alpen, der wirtschaftlich an den touristischen Grundfesten nagt? Bildung, Mobilität, leistbares Wohnen, Landeskultur und Landwirtschaft – wer hier Lösungen findet, tut sich gleichzeitig leichter mit der Olympia-Frage. Wohl auch in der Landeshauptstadt. In einem Wintersportland ist es natürlich legitim, über Olympische Spiele nachzudenken. Es benötigt dazu aber einen breiteren Kontext und politische Perspektiven über die fünf olympischen Ringe hinaus.

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