Grenzübergreifende „Universum“-Doku über „Europas letzte Nomaden“ am 11. Oktober um 20.15 Uhr in ORF 2

Wien (OTS) - Rumäniens Waldkarpaten, die heiße Steppe Spaniens, die romantische Inselwelt an der Küste von Wales, die mediterranen Bergzüge im Süden Frankreichs, die alpinen Welten Tirols: fünf europäische Naturräume, wild und unverbraucht; Lebensräume, die kontrastreicher nicht sein könnten: einmal mild und sanft, das andere Mal bizarr und unberechenbar. Gernot Lerchers „Universum“-Dokumentation über „Europas letzte Nomaden“ vereint diese Regionen am Dienstag, 11. Oktober 2016, um 20.15 Uhr in ORF 2 in einem Film, denn sie alle haben eines gemeinsam: die Fernweidewirtschaft, Transhumanz genannt, bestimmt den Rhythmus ihres Lebens. Die letzten Nomaden Europas sind Wanderhirten, die mit riesigen Schaf- und Rinderherden oft Hunderte Kilometer durchs Land ziehen, um von Winterweide zu Sommerweide – und wieder zurück – zu kommen. Auf alten Wegen, dem Wechsel der Jahreszeiten und den Spuren vieler Generationen folgend. „Europas letzte Nomaden“ wurde von der Interspot Film in Zusammenarbeit mit Kwanza, Cwmni Da und Grupo Ganga für ORF, ORF-Enterprise, France 2 und S4C produziert. Gefördert wurde der Film vom Fernsehfonds Austria und Creative Europe – MEDIA.

Der Zug der großen Herden ist ein einziges großes Abenteuer. Regisseur Gernot Lercher hat die Wanderungen mit den Hirten gemeinsam gemacht, ihre Strapazen miterlebt. Nur noch wenige große Herden sind im 21. Jahrhundert unterwegs. Vielleicht ist diese Hirten-Generation auch schon die letzte, die die großen Wanderungen auf sich nimmt. Der Film richtet den Blick auf die großen Herausforderungen für die Tiere. Den Kräften der Elemente ausgesetzt, werden sie selbst gestaltender Teil der Natur: Flora und Fauna entlang der schon über Jahrhunderte genutzten Wege profitieren von den riesigen Tierherden, die zweimal pro Jahr durchziehen. Zum einen kommt regelmäßig Dung in den Boden und zum anderen wird die Verbuschung ganzer Landstriche verhindert, Samenkörner werden in Kot und Fell transportiert, um an neuen Orten gedeihen zu können. Und mancherorts wartet man schon ungeduldig auf die großen Herden. Die Rede ist von den natürlichen Gegenspielern, Beutegreifern wie Wolf, Steinadler, Bart- oder Gänsegeier.

Die Gänsegeier haben in Frankreich ihren großen Auftritt. In den Cevennen hat sich mittlerweile eine der größten Geierkolonien Europas etabliert. Die große Zeit der Gänsegeier kommt im Juni, wenn die Wanderhirten Südfrankreichs ihre Schafherden aus den trockenen Ebenen an der Mittelmeerküste auf die Hochweiden der Cevennen treiben. Zehn Tage dauert diese Wanderung über sogenannte Triftwege, die sich seit Jahrhunderten in den Berg gegraben haben. Stürzt ein Schaf ab oder erliegt es dem Biss einer Giftschlange, sind die Geier rasch zur Stelle. Für Gernot Lercher ein Anblick, den er nie vergessen wird:
„Ein einzelner Geier hat die Vorhut gebildet, dann, etwas später, sind 20 nachgekommen, um sich schließlich auf den Kadaver des toten Schafs zu stürzen. Nach kaum einer halben Stunde war nur mehr das Skelett übrig. Die Geier haben ‚ganze‘ Arbeit geleistet. Ein schauriges Schauspiel, aber eben doch ein Natur-Schauspiel.“

„Europas letzte Nomaden“ erzählt vom Leben und Überleben. Von Tieren, die voneinander abhängig sind, im ständigen Spannungsfeld des Mit-und Gegeneinanders. Von Menschen unterschiedlichster Herkunft und aus den unterschiedlichsten Kulturlandschaften des europäischen Kontinents, die Jahr für Jahr Alles geben, um uralte Traditionen zu bewahren. Mögen die Hirten geografisch noch so weit voneinander entfernt leben, es gibt etwas, das sie alle verbindet: ihr Leben in tiefem Einklang mit der Natur. Zum Beispiel im Herzen der Waldkarpaten, in den Maramures. Die ursprünglichste und zugleich ärmste Region Rumäniens grenzt direkt an die Ukraine. Hier glaubt man sich zurückversetzt in die Mitte des vergangenen Jahrhunderts. Das offene Feuer ersetzt die Energiesparlampe, die Hirten rühren den Käse selbst, um dann mit ihren Herden wieder über die malerischen Hügel der Grenzregion zu ziehen. Der Wolf ist hier eine permanente Bedrohung für die Schafe: Meist bleibt er unsichtbar, doch seine Anwesenheit ist zu spüren. 3.000 Wölfe streifen – noch unbehelligt – durch Rumänien. So viele wie nirgendwo sonst am Kontinent. Gernot Lercher erinnert sich: „Die Hirten, aber auch wir hatten Glück, als sich eines Abends ein Wolf dem Schafgatter genähert hat. Die Hütehunde haben sofort angeschlagen und den Wolf verjagt. Eine wirklich aufregende Szene für uns, nachdem wir in den Tagen zuvor Wölfe schon in der Ferne beobachten konnten.“

Nicht weniger dramatisch waren die Dreharbeiten in den Ötztaler Alpen. Die Wanderung der Schafherden über den Similaunpass gleicht einer waghalsigen Expedition. Hirten wie Schafen bleibt nur ein schmaler Pfad im Schnee. Jeder Fehltritt kann tödlich sein. Trotzdem wollen die Südtiroler die 500 Jahre alten Weiderechte in Nordtirol nicht aufgeben. Eine Handvoll Bergkräuter, sagen die Hirten, entspricht dem Nährwert eines ganzen Strohballens. Hirten und Schafe kann man ohne weiteres als Hochalpinisten bezeichnen. Bis weit über 3.000 Meter Seehöhe grasen die Schafe – und dringen damit ins Revier des Steinadlers vor. „Beim Drehen eines Naturfilms muss man natürlich auch ein Quäntchen Glück haben. Und das hatten wir!“, erinnert sich Lercher: „Als wir einen kreisenden Steinadler filmten, tauchte plötzlich ein Bartgeier, Europas größter Greifvogel, auf. Und dieser Geier startete in einen spektakulären Luftkampf und verjagte den sonst so dominanten Adler aus dem Revier. Ohne es zu wissen, wurde er damit zum Retter der Bergschaf-Lämmer.“

In Wales gibt es dreimal so viele Schafe wie Menschen, nämlich neun Millionen. Dieses Mensch-Schaf-Verhältnis ist einzigartig in Europa. Wie auch das Tierleben auf Bardsey Island, der „Insel der Gezeiten“, einer kleinen, küstennahen Insel in der Irischen See. Sie ist nicht nur das Zuhause einer der größten Kegelrobbenkolonien Großbritanniens, auf ihr grasen auch 300 Schafe. Und sie machen das kleine Eiland zum Vogelparadies: Nur weil die Schafe und Lämmer das Gras stutzen, können seltene Vogelarten, wie z.B. die Alpenkrähe, der Zilpzalp oder der Steinschmätzer Insekten und Würmer aus dem Boden picken. Damit nicht genug, ist der Hirte der Insel Paragleiter und überprüft die Vollzähligkeit seiner Herde nicht selten selbst aus der Vogelperspektive. Manchmal wird er dabei zum Lebensretter, wie Gernot Lercher beobachten konnte: „Die Dreharbeiten auf Bardsey Island waren sehr speziell und auch emotional. Auf einem seiner Rundflüge hat der fliegende Hirte ein Lamm in einer Bucht entdeckt, aus der es kein Entrinnen gegeben hätte. Der Hirte hat sich über die Klippen abgeseilt und so das zwei Monate alte Lamm gerade noch gerettet, bevor die Flut gekommen ist.“

Wenn die 800 Rinder von Alicia Chico über die mittelalterlichen Triftwege von Andalusien aus auf die Hochweiden im Nordosten Cuencas getrieben werden, dann glaubt man sich im Wilden Westen Amerikas. Es ist ein grandioses Schauspiel, das Spaniens letzte Cowboys, die Vaqueros, bieten. Tatsächlich ist dieses Spektakel der Rinderhirten aber eine Flucht vor Hitze und Trockenheit, 25 Tage lang und 500 Kilometer weit. Die meisten Farmer Andalusiens transportieren ihre Rinder mittlerweile mit dem LKW. Nicht so Alicia Chico. Ihre Cowboys brauchen weder Asphalt noch Hunderte PS. Sie reiten auf dem Pferd, und Alicia ist überzeugt: Ihre Rinder sind die stärksten Spaniens, weil sich das Ausdauervermögen und die Kraft ihrer „Marathonläufer“ über viele Kuh-Generationen vererbt haben. „Ein unbeschreiblicher Anblick“ – so Lercher – „als die Riesenherde erstmals auf mich zugekommen ist! Es war wirklich wie im Wilden Westen. Die Hitze, der Staub, das Stampfen der Hufe – es war sprichwörtlich atemberaubend.“

„Ein so europäisches Thema verlangt auch nach einer grenzübergreifenden Produktionsbasis“, so Heinrich Mayer-Moroni von der Interspot Film. Als Executive Producer gelang ihm eine Zusammenarbeit mit Kwanza (Frankreich), Cwmni Da (Wales) und Grupo Ganga (Spanien), die ihrerseits France 2 und S4C an Bord holten. Diese breite europäische Produktionsstruktur war dann auch ausschlaggebend, dass neben dem Fernsehfonds Austria auch eine Förderung durch Creative Europe – MEDIA erreicht werden konnte. Für die federführende Interspot Film war die Herstellung des Films eine spannende, logistische Herausforderung. Regisseur Gernot Lercher arbeitete mit insgesamt 14 verschiedenen Kameraleuten. „Am Ende muss der Film aussehen, als wäre er aus einem Guss, so als hätte ihn ein einziger Kameramann gedreht. Ich denke, das ist gelungen, denn ich hatte das Glück, in all den Ländern mit den Besten ihres Fachs arbeiten zu dürfen. ‚Europas letzte Nomaden‘ ist jedenfalls ein durch und durch europäischer Film, vor und hinter der Kamera“, resümiert Lercher nach 80 Drehtagen im Lauf von eineinhalb Jahren. „Wann hat man schon die Gelegenheit, für eine Dokumentation fünf wundervolle Länder zu bereisen, noch dazu auf alten Wegen, fernab der heutigen Verkehrswege? Ich habe Europa durch diese Arbeit neu kennen und verstehen gelernt. Auf gewisse Weise war es eine Zeitreise.“

In eindrucksvollen Bildern führt der Film quer durch Europa: vom Grenzland Rumäniens zur Ukraine im europäischen Osten bis weit in den Westen Europas, an die Atlantikküste von Wales; vom Hochgebirge der Ötztaler-Alpen ins Zentrum der Iberischen Halbinsel, in Don Quichotes Mancha, und schließlich wieder hinauf ins Bergland der südfranzösischen Cevennen. Die Sendung ist nach der TV-Ausstrahlung sieben Tage auf der Video-Plattform ORF-TVthek (http://TVthek.ORF.at) als Video-on-Demand abrufbar und wird auch als Live-Stream angeboten.

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