TIROLER TAGESZEITUNG: Leitartikel vom 31. März 2016 von Irene Rapp - So zäh wie ein Kaugummi

Innsbruck (OTS) - Der Gleichstellungsbericht des Landes Tirol zeigt die sattsam bekannten Unterschiede zwischen
den Geschlechtern auf. Nur der Politik dafür die Schuld in die Schuhe zu schieben, ist allerdings zu kurz gegriffen.

Es gibt einige gesellschaftspolitische Themen in Österreich mit kaugummiähnlichen Eigenschaften: Sie weisen – da schon seit Jahren heiß diskutiert – eine zähe Konsistenz auf und haben – weil sich nur wenig bis gar nichts ändert – einen schalen Geschmack. Die Bildungspolitik ist ein Beispiel dafür, die Frauenpolitik ein weiteres. Wobei der neue Gleichstellungsbericht des Landes Tirol – um in der gustatorischen Terminologie zu bleiben – nicht nur schal schmeckt, sondern auch sauer aufstößt.
Auf beinahe 130 Seiten werden darin die Lebenswelten von Mann und Frau und die sattsam bekannten Fakten samt Erklärungsversuchen gegenübergestellt: Frauen verdienen weniger, vor allem in den ländlichen Bezirken Landeck, Reutte, Lienz und Imst, sie machen den Großteil der Betreuungs- sowie Pflegearbeit bei Nachwuchs bzw. Angehörigen und sind in der Politik nach wie vor Randerscheinungen. Weit mehr als diese Zahlen stört jedoch eine Zeile im dazugehörenden Vorwort: Dass nämlich „der vorliegende Bericht zeigt, dass noch einiges an Arbeit vor uns liegt“, wie die Landesräte Christine Baur und Johannes Tratter betonen.
Eine Untertreibung schlechthin. Denn es wäre nicht einiges, sondern viel zu tun. Frauen sind derzeit die Verlierer des Systems: Sie zahlen für jedes Jahr, das sie beim Kind zu Hause bleiben oder nur in Teilzeit arbeiten, drauf. Und sie wurden auch bei der jüngsten Pensionsreform mit der vollen Durchrechnung in ihrer besonderen Lebenswelt nicht berücksichtigt.
Allerdings stehen sich Frauen auch selbst im Weg: Nach wie vor drängen sie in einige wenige Berufe wie Einzelhandels- bzw. Bürokauffrau und Friseurin. Später bemühen sie sich aus Angst vor Kritik nicht um ein politisches Amt. Zudem kostet die Doppel- und Dreifachbelastung Kraft. Das Schlagwort der Vereinbarkeit von Familie und Beruf hat längst Risse bekommen und zeigt Wirkung. Denn die Rückbesinnung auf traditionelle Geschlechtermuster bei der jungen Generation ist ein Beweis, dass viele dem nicht gewachsen sind bzw. sein wollen.
Tirol wird derzeit von 371.000 Frauen und 358.000 Männern bewohnt. Gleichstellung für alle gibt es trotz scheinbar gleicher Möglichkeiten und identer Voraussetzungen nicht. Wenn sich Volksmusiker Andreas Gabalier alle paar Monate mit tradierten Äußerungen zu Gesellschafts- und Geschlechterthemen zu Wort meldet, ist die Aufregung groß. Doch wahrscheinlich spricht er dem Volk mehr aus der Seele, als man glauben mag.

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