TIROLER TAGESZEITUNG: Leitartikel vom 30. März 2016 von Michael Sprenger - Ein Land im Umbruch

Innsbruck (OTS) - Bei der Sonntagsfrage liegt die FPÖ klar voran, bei der Umfrage zur Hofburg-Wahl Alexander Van der Bellen. Dramatischer kann der Zustand der beiden Regierungsparteien nicht zum Ausdruck gebracht werden.

Österreich vor dem Umbruch. Unterschiedlicher könnten die aktuellen politischen Umfragen nicht interpretiert werden. Während vier Wochen vor der Bundespräsidentenwahl die Demoskopen den früheren Parteichef der Grünen, Alexander Van der Bellen, quasi als Fixstarter für die Stichwahl am 22. Mai ausweisen, führt bei der Sonntagsfrage zur Nationalratswahl die FPÖ mit klarem Vorsprung vor der ÖVP und der SPÖ. Befinden sich also Blau und Grün, die Antipoden des politischen Systems, im Kampf um die Vormachtstellung im Lande? Nicht wirklich. Die Gegensätze dieser unterschiedlichen Umfrageergebnisse zu unterschiedlichen Wahlgängen geben vielmehr Auskunft darüber, dass sich die beiden Regierungsparteien SPÖ und ÖVP in einer tiefen inhaltlichen Krise befinden. Und sie geben Auskunft, dass das Wahlvolk sehr wohl zwischen einer Nationalratswahl und einer Persönlichkeitswahl, wie sie die Bundespräsidentenwahl nun einmal darstellt, unterscheiden kann.
Van der Bellen liegt seit Wochen konstant an der Spitze. Offen ist hingegen, wer sein Gegner oder seine Gegnerin in der Stichwahl sein wird. Es ist durchaus möglich, dass diese ohne Andreas Khol (ÖVP) und/oder Rudolf Hundstorfer (SPÖ) durchgeführt wird. Für die beiden Volksparteien, die seit 1945 alle politischen Spitzenjobs der Republik – von Bundespräsident bis Bundeskanzler – besetzt haben, würde solch ein Wahlergebnis einer Katastrophe gleichkommen.
Für die beiden lange Zeit regierenden staatstragenden Volksparteien müsste dies eine personelle Neuaufstellung bedeuten. Bis hin zu einer Neugründung.
Doch Krisenzeiten zeichnen sich nicht zwangsläufig dadurch aus, dass rationale Entscheidungen getroffen werden. SPÖ und ÖVP befinden sich längst in einem Durchhaltemodus. Es würde nicht wundern, wenn sich ÖVP-Chef Reinhold Mitterlehner und SPÖ-Vorsitzender Werner Faymann weiter einigeln. So wie es die beiden Parteien nach all den Niederlagen in der Vergangenheit gemacht haben. Was dies allerdings bedeutet oder bedeuten kann, darüber geben uns die Demoskopen mit ihrer Sonntagsfrage Auskunft. SPÖ und ÖVP können sich zwar erneut auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen einstellen, aber nur noch um den zweiten Platz. Dieses Rennen kann sich dann Alexander Van der Bellen vielleicht von der Hofburg aus mehr oder weniger gespannt anschauen und darüber grübeln, welche Antworten zu geben sind in einem Land, welches sich im Umbruch befindet.

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