TIROLER TAGESZEITUNG, Ausgabe vom 21.03.2016, Leitartikel von Gabriele Starck: "Werte zu bewahren heißt, sie zu leben"

Innsbruck (OTS) - Wir nehmen „besorgte Bürger“ ernst. Das erzählen uns Politiker, die Wahlen gewinnen wollen. Wir müssen die Sorgen der Bürger ernst nehmen, erzählen jene, die Wahlen verloren haben. In der ersten Aussage steckt Populismus, in der zweiten heiße Luft. Existenzängste um Job und Obdach haben mehr mit der Wirtschaftslage und dem Wohnungsmarkt als mit Asylwerbern zu tun. Die auf der Straße als „besorgte Bürger“ auftretenden Mitmenschen nennen daher auch den Verlust der westlichen, christlichen bzw. europäischen Werte ihre Sorge. Werte, die etliche von ihnen – um deren Verteidigung willen – selbst mit Füßen treten. Seit einem halben Jahr grassiert der hochinfektiöse Bazillus des Hasses. Sein Wirt war lange relativ gut im Zaum gehalten, doch nun ist er losgelassen und verbreitet den Keim, der die Gesellschaft langsam von innen heraus zerfrisst. Politiker, die sich für den Einsatz von Schusswaffen gegen Flüchtlinge an den Grenzen aussprechen, werden gefeiert und gewählt. Asylheime werden angezündet oder beschossen. Ausländer verprügelt. Rassistisches offen verbreitet. Im vergangenen Jahr wurden so viele ausländerfeindlich motivierte Straftaten in Österreich begangen wie in den drei Jahren davor zusammengenommen. In Deutschland nahm in den zwei Monaten dieses Jahres die Zahl der Anschläge auf Flüchtlinge erneut stark zu. Unter den Attacken sind inzwischen auch immer mehr, bei denen der Tod von Menschen in Kauf genommen wird. Das Gegenmittel – man mag es Nächstenliebe, Solidarität oder Menschlichkeit nennen – verliert an Wirksamkeit, wird resistent.
Unsere Werte hochzuhalten heißt selbstverständlich, ganz deutlich Nein zu sagen zu Unterdrückung und Diskriminierung von Frauen und Minderheiten. Nein zu sagen zu Parallelgesellschaften. Nein zu sagen zu Missbrauch oder Ausnutzung der Gastfreundschaft und Ja zur Meinungsfreiheit. Unsere Werte gegenüber anderen zu verteidigen bedeutet aber auch, sie selbst hoch- und einzuhalten. Nicht ein Kopftuch ist der Wert, sondern der Umgang mit dem Menschen, der es trägt. Nicht ein kurzer Rock ist der Wert, sondern die Freiheit zu haben, ihn zu tragen.
Werden Werte verletzt, hat das der Rechtsstaat zu unterbinden bzw. die Justiz mit der angemessenen Härte zu ahnden – egal ob Flüchtlinge oder Hiesige für das Vergehen verantwortlich sind. Blindheit, auf welchem Auge auch immer, muss der Vergangenheit angehören. Damit das Wort „besorgt“ auch die Bedeutung „fürsorglich“ zurückgewinnt.

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