TIROLER TAGESZEITUNG, Ausgabe vom 20.03.2016, Leitartikel von Michael Sprenger:"Die Republik im Widerspruch"

Innsbruck (OTS) - Es mutet paradox an. In fünf Wochen wählt Österreich ein neues Staatsoberhaupt. Und in allen Umfragen führt der frühere Chef der Grünen, Alexander Van der Bellen. Wären am kommenden Sonntag hingegen Nationalratswahlen, würden die Grünen weiter auf ihrem Niveau stagnieren. Nicht so die FPÖ. Sie könnte damit rechnen, weiter an Stimmen zuzulegen und mit klarem Abstand stimmenstärkste Partei zu werden.
Wie ist dieser scheinbare Widerspruch erklärbar? Mit dem Zustand der beiden (ehemaligen) Volksparteien SPÖ und ÖVP. Dieser ist seit Jahren erbärmlich. Es fehlt beiden Parteien an inhaltlicher Substanz. Wofür brennen denn noch SPÖ und ÖVP – außer für ihren Versuch, irgendwie doch noch an der Macht zu bleiben. Es gibt keine inhaltlichen Debatten mehr, der Diskurs wurde abgeschafft. Versuche einer Wiederbelebung werden als Störung empfunden. Stattdessen üben sich Rote und Schwarze in der Bundesregierung in der sattsam bekannten Blockadehaltung. Von den Pensionen bis zur Bildung.
Selbst der unredliche Versuch, immer wieder mit dem Boulevard Allianzen zu schmieden, kann nicht über die inhaltsleere Politik hinwegtäuschen. In der Not, wie aktuell in der Flüchtlingskrise, versuchen SPÖ und ÖVP die FPÖ nachzuahmen, was letzten Endes dem Original nützt.
Aus solch einem Verhalten heraus bildete sich mit den Jahren eine breiartige Politik heraus, die nun eben so unterschiedliche und widersprüchliche Auswirkungen ermöglicht. Hier die rechtspopulistische FPÖ im Höhenflug, dort der grünliberale Alexander Van der Bellen, der in Zeiten farbloser Politik als bunte Persönlichkeit wohltuend wahrgenommen wird.

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