Tiroler Tageszeitung, Ausgabe vom 18. März 2016; Leitartikel von Cornelia Ritzer: "Keine Perspektive, großes Risiko"

Innsbruck (OTS) - Die Flüchtlingskrise schürt die Angst der Menschen vor mehr Gewalt. Die gestern präsentierte Kriminalstatistik zeigt, dass es keine massive Ausländerkriminalität gibt. Wer das Sicherheitsgefühl stärken will, muss Chancen bieten.

Asylwerber, die Supermärkte in Wien plündern. Junge Ausländer, die sexuell belästigen. Oder Migranten, die Busse und Bahnen verwüsten. Diese Schreckensmeldungen aus dem Vorjahr, ausgelöst durch die massive Flüchtlingswelle in Europa, waren drastisch – aber (in den meisten Fällen) unwahr. Gerüchte hielten sich hartnäckig, werden aber vehement von der Polizei dementiert. Dass die genannten Vorfälle erfunden sind, bestätigt auch die Kriminalstatistik. Dort kommen Syrer, Afghanen und Iraker – also jene Nationalitäten, die im Vorjahr und heuer am häufigsten einen Asylantrag in Österreich stellten – nur am Rande vor.
Die Kriminalstatistik belegt aber auch, dass im Vorjahr die Zahl der nicht österreichischen Tatverdächtigen einen Höchststand erreicht hat. Asylwerber sind für 38 Prozent mehr Straftaten, vor allem im Bereich der Kleinkriminalität, verantwortlich. Ein seriöser Beleg dafür, dass Ausländer krimineller sind? Nein, lautet die deutliche Antwort der Polizei, diese Zahlen müssen mit größter Vorsicht betrachtet werden. Denn es sind zwar mehr Asylwerber straffällig geworden, die Gesamtzahl der Migranten in Österreich ist aber weitaus stärker gewachsen. Im Klartext bedeutet das, dass es überbordende Ausländerkriminalität nicht gibt. Punktuelle Besonderheiten wie die Innsbrucker Drogenszene, die von Nichtösterreichern dominiert wird, ausgenommen. Trotzdem hat sich bei vielen Menschen die Angst vor den Fremden und einer Welle von Gewalt tief verankert. Als besorgte Bürger sind sie für politische Populisten interessant geworden, die bewusst Ängste schüren und damit Wählerstimmen gewinnen wollen. Und auch die Kriminalisten interessieren sich dafür: Denn dass die als Erfolg präsentierte Statistik und die Wahrnehmung in der Bevölkerung derart auseinanderklaffen, ist für die Polizei wahrlich keine Werbung für ihre Arbeit.
Und hier wird die Kriminalstatistik zum Politikum. Das Wort „Perspektive“ ist im Bericht kein einziges Mal zu lesen, im Gespräch mit Beamten fällt es jedoch häufig. Denn fehlt den Menschen die Aussicht auf eine bessere Zukunft, steigt die Gefahr des Abrutschens in die Kriminalität. 2015 haben in Österreich 90.000 Menschen um Asyl angesucht. Wie und ob diese in der nächsten Kriminalstatistik aufscheinen, kann heute niemand beantworten. Je länger diese Frauen und Männer aber auf Beruf, Einkommen und damit Status warten müssen, je mehr die gesellschaftliche Integration fehlt, desto größer ist das Risiko.

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