Tiroler Tageszeitung, Ausgabe vom 10. März; Leitartikel von Anita Heubacher: "Patienten - bitte warten oder zahlen"

Innsbruck (OTS) - Wieder können Kassenstellen für Allgemeinmediziner und Fachärzte quer durch ganz Tirol nicht besetzt werden.
Alle Systempartner wissen, woran das Gesundheitssystem krankt. Behoben werden die Mängel nicht, der Patient verliert.

Würden Sie gerne weniger arbeiten und mehr Geld verdienen? Diese Frage beantworten vermutlich sogar Altruisten mit Ja. Das ist der Grund, warum es nicht nur in Tirol, sondern in ganz Österreich immer schwieriger wird, Kassenärzte zu finden. Es fehlt an Allgemeinmedizinern und immer mehr auch an Fachärzten mit Kassenverträgen. Die Ärzte, die nachkommen, werden Wahlärzte. Als solche legen sie die Höhe der Honorare selbst fest, bestimmen, wann sie arbeiten wollen, und werden nicht mit unlukrativen Zusatzdiensten wie Sprengelarztschichten behelligt. Unterm Strich: weniger Patienten, mehr Verdienst. Das Verhältnis verschiebt sich dementsprechend immer mehr von Kassenärzten hin zu Wahlärzten. Das lässt sich aus Statistiken sehr gut ablesen. Nicht erst seit heute, sondern seit Jahren.
Das österreichische Gesundheitssystem ist krank. Mittlerweile chronisch. Wo es hapert, ist bekannt, es wird hie und da an einzelnen Stellschrauben gedreht – den Hebel umlegen können oder wollen die Systempartner Bund, Länder, Sozialversicherungen nicht. Was für eine Chuzpe, dass man ausgerechnet zur Besserung der Zusammenarbeit und zum Vermeiden von Schnittstellen eine zusätzliche Verwaltungshierarchie eingeführt hat. Die Zielsteuerungskommission, die gibt es auf Bundesebene und – richtig – neunmal in den Bundesländern. Vor Jahren installiert hat sie bis dato keine Auswirkungen gebracht, zumindest keine, die beim Patienten positiv ankommen.
Ein Ziel der Zielsteuerungskommission ist die Verlagerung der Patienten von den Spitalsambulanzen hin zum niedergelassenen Bereich. Also dorthin, wo es immer weniger Kassenärzte gibt. Während Sie als Patient in der Spitalsambulanz Ihre E-Card zücken und nichts bezahlen, dürfen Sie beim Wahlarzt die Geldtasche öffnen. Zum Wahlarzt werden Sie trotzdem gehen, weil es keinen Kassenarzt oder zu wenige Kassenärzte gibt. Vorausgesetzt, Sie können es sich leisten. Ein anschauliches Beispiel: 2015 gab es in den Bezirken Kufstein und Kitzbühel zwei Kassenneurologen und einen Kassenorthopäden. Für mehr als 150.000 Einwohner, die bitteschön künftig nicht mehr die Ambulanzen im Krankenhaus Kufstein aufsuchen sollen? Ich höre schon, wie uns versichert wird, dass die Zahl der Kassenstellen in dem Fall aufgestockt würde. Sicher, mit Kassenärzten, die es nicht gibt. In Österreich ist die Zweiklassenmedizin Realität – und das bei Ausgaben im Gesundheitswesen, die ihresgleichen suchen.

Rückfragen & Kontakt:

Tiroler Tageszeitung
0512 5354 5101
chefredaktion@tt.com

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT0001