Tiroler Tageszetung, Ausgabe vom 9. März 2016; Leitartikel von Wolfgang Sablatnig: "Lange Tage im Schlamm von Idomeni"

Innsbruck (OTS) - Die EU-Staaten streiten über das Schließen der Flüchtlingsroute und ein Ende des Durchwinkens. Es ist eine abstrakt geführte Debatte, deren Opfer ganz real sind: Es sind die Tausenden Gestrandeten am mazedonischen Zaun.

Helft uns. Es ist kalt.“ Die Botschaft, die Flüchtlinge an der griechisch-mazedonischen Grenze in Idomeni auf ihre Zelte gemalt haben, ist unmissverständlich. Internationale Kamerateams tragen diese Botschaft in die Welt. Sie wird noch drängender, seit es neuerlich geregnet hat und die Hunderten Zelte in Schlamm und Wasser stehen.
Hilfe sei auch unterwegs, heißt es im österreichischen Außenministerium. 20 Tonnen Hilfsgüter sollen an die griechischen Behörden gehen. Und das UNO-Flüchtlingshilfswerk UNHCR, das auch die Versorgung im Notlager Idomeni koordiniert, bekommt fünf Millionen Euro.
Hilfe? In Idomeni sind 13.000 Menschen oder mehr gestrandet. Die rot-weiß-rote Lieferung umfasst aber gerade einmal 600 Klappbetten mit Matratzen. Und da ist nicht gewiss, ob nur eines dieser Betten je in Idomeni ankommt.
Es müsse ja niemand in Idomeni bleiben, heißt es dann. Griechenland biete ja neue Lager an, einige Kilometer hinter der Grenze. Mag sein. Solange die internationale Gemeinschaft nicht mit einer Stimme ein Stoppsignal setzt, wird die irrationale Hoffnung bleiben, die Grenze vielleicht doch noch passieren zu dürfen.
Die Menschen von Idomeni sind die Leidtragenden dessen, was die hohe Politik auf abstrakter Ebene formuliert. Wenn Werner Faymann und Sebastian Kurz die Politik der geschlossenen Grenzen als Vorbild feiern, geschieht das auf dem Rücken der Gestrandeten.
Egal, wie die Entscheidungen in der Flüchtlingskrise fallen: Sie können nur falsch sein. Menschen weiter durchzuwinken, würde weiteren Zustrom produzieren. Die Menschen aufzuhalten, wie es Faymann und Kurz aus gutem Grund praktizieren, lässt hingegen die Lager wachsen und produziert schreckliche „Bilder“. Schrecklich, ja menschenunwürdig, sind freilich nicht die Bilder, sondern die Zustände in Idomeni und am Grenzzaun.
Ja, aber die Menschen sind doch in Griechenland – also müsste sich doch der griechische Staat um sie kümmern, heißt es dann. Tatsächlich – auch das ein Skandal – überlässt Griechenland die Menschen aber ihrem Schicksal und verlässt sich darauf, dass die internationalen Helfer das Schlimmste verhindern werden.
Weil die Staatschefs sich vertagt haben, müssen auch die Gestrandeten von Idomeni weiter warten. Im Maßstab der internationalen Politik sind zehn Tage nicht viel. Im Schlamm von Idomeni können sie aber sehr lang werden.

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