Tiroler Tageszeitung, Ausgabe vom 8. März 2016; Leitartikel von Anita Heubacher: "Frauentag als Schwarz-Weiß-Malerei"

Innsbruck (OTS) - Mit Kind, ohne Kind, Mütter mit Job, Mütter ohne Job, Frauen als Opfer, Männer als Täter, Hausmütterchen gegen karrieregeiles Biest: An keinem Tag gehen die Schattierungen des Lebens so stark verloren wie am Weltfrauentag.

Ginge es nach mir, würde ich den Frauentag am liebsten abschaffen. Am 8. März sind Frauen in allererster Linie Opfer und lassen andere, vorzugsweise Frauen, für sich sprechen. Dann werden die Ungerechtigkeiten, die sich offenbar nur zwischen Geschlechtern abspielen, beklagt. Den Rest der Zeit sind Mittelstandsfrauen aber auch Gestalterinnen, sie setzen ihre Prioritäten.
Frauen verdienen weniger als Männer. Aber nicht im gleichen Job für gleiche Arbeit, sonst würden findige Unternehmer den Kollektivvertrag aushebeln, nur Frauen einstellen und sich damit mindestens ein Viertel der Gehälter sparen. Frauen verdienen weniger als Männer, weil sie Teilzeit arbeiten und das nicht immer und nicht in jedem Fall so viele Jahre müssten, sie machen weniger Überstunden und am Ende des Tages auch weniger Karriere. Sie opfern sich nicht für den Job auf, weil es für sie offensichtlich neben dem Job noch andere wichtige Dinge im Leben gibt. So könnte man es auch sehen. Frauen verdienen weniger, weil sie in schlecht zahlenden Branchen arbeiten. Seit Jahrzehnten wissen wir, welche das sind, und trotzdem zieht es mehr als die Hälfte der weiblichen Lehrlinge auch heute noch in die immerselben lausig bezahlten Jobs. Am anderen Ende der Bildungskette dasselbe Bild. Deutlich mehr Absolventinnen an den Universitäten als Absolventen, aber in welchen Fächern? Das lässt sich übrigens auch bei Unternehmensgründungen fortsetzen und dann in Gehalts- und Einkommenstabellen wunderbar ablesen.
Ich bin zuversichtlich, dass Mittelstandsfrauen wählen und entscheiden können. Es gibt so viele Schattierungen und Lebensmodelle. Aber am Frauentag tun wir so, als ob die Karrierefrau, die am besten noch zwei Kinder hat, das bessere und anzustrebende Lebensmodell wäre und alle dorthin wollten, wenn Mann sie nur ließe. Das ist doch eine unzulässige Schwarz-Weiß-Malerei.
Ebendie wird von politischer Seite unterstützt. Aber wie man Frauenpolitik auch betrachtet, weder Links noch Rechts haben ihre Ziele bis dato erreicht. Es gibt weniger Kinder, aber nicht weniger, sondern mehr Frauen in Teilzeit. Dabei hätten es Frauen in der Hand, sie besorgen die Kindererziehung. Während es für Jungs ganz klar ist, dass am lebenslangen Erwerbsleben nichts vorbeiführt, haben Mädels immer noch einen Plan B im Kopf: Familiengründung als Exitstrategie.

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