NÖ Impftag: Asylsuchende, Flüchtlinge und Migranten

Gemeinsame Fortbildung für Ärzte und Apotheker

Wien (OTS) - Das Thema „Asylsuchende, Flüchtlinge und Migranten“ hat in den letzten Monaten nicht nur für politische Schlagzeilen, sondern auch für viele medizinische Fragen gesorgt. Der siebente niederösterreichische Impftag möchte sich daher speziell den Problemen und Unsicherheiten rund um diese Personengruppen widmen, die aus Kriegsgebieten geflohen sind und nun Schutz in Österreich suchen. Am 12. März treffen sich bereits zum siebenten Mal Ärzte und Apotheker gemeinsam zur Fortbildung im Stift Melk, um sich bei der präventivmedizinischen Versorgung von Asylsuchenden und Flüchtlingen auf den neuesten Stand zu bringen.

„Bei der diesjährigen Fortbildung haben wir ein besonders spannendes Thema gewählt, das sehr viele Ärzte und Apotheker in ihrer täglichen Arbeit beschäftigt und dennoch viele Fragen und Unsicherheiten aufwirft“, berichtet Prim. Univ.-Prof. Dr. Karl Zwiauer, wissenschaftlicher Leiter und Organisator des NÖ Impftages und Vorstand der Abteilung Kinder- und Jugendheilkunde des Universitätsklinikums St. Pölten. „Konkret geht es beim diesjährigen NÖ Impftag um drei Bereiche: Erstens um die präventivmedizinische Versorgung von Asylsuchenden und Flüchtlingen. Zweitens um Erkrankungen oder ungewöhnliche Infektionen, die diese Bevölkerungsgruppe mitbringt. Drittens um die Personen, die Flüchtlinge und Asylsuchende erstversorgen und betreuen.“ Asylsuchende und Flüchtlinge kommen häufig aus Ländern mit einer völlig anderen Epidemiologie und haben daher auch andere Krankheiten.

Medizinische Grundversorgung und Impfstatus von Flüchtlingen überraschend gut

Der Bürgerkrieg in Syrien dauert mittlerweile seit fast fünf Jahren an. Zuvor gab es vor allem in Städten wie Damaskus ein sehr gutes Gesundheitssystem nach westlichem Standard. „Diese gute medizinische Versorgung hat gerade auch die Impfvorsorge betroffen. Durch den Bürgerkrieg hat das Gesundheitssystem vor etwa drei Jahren begonnen zusammenzubrechen. Die erwachsenen Flüchtlinge aus Syrien oder dem Irak sind daher in der Regel recht gut versorgt. Als Kinderarzt beobachte ich allerdings, dass gerade jüngere Flüchtlingskinder oft deshalb ungeimpft nach Österreich kommen, weil in ihrer alten Heimat entweder keine Impfstoffe mehr zur Verfügung standen oder aber die Eltern den Impfstoffen in Bezug auf Lagerung und Zusammensetzung nicht mehr trauen konnten“, meint der Kurienobmann und Impfreferent der NÖ Ärztekammer, Vizepräsident MR Dr. Dietmar Baumgartner. Eine systematische Erhebung des Impfstatus wäre von eminenter Bedeutung, da viele Asylsuchende auch aus Gegenden oder Bevölkerungsgruppen mit eingeschränktem Zugang zu medizinischer Versorgung und Impfungen stammen. Sie werden beim Erstkontakt nach Impfungen anamnestisch befragt. „In einigen Fällen führen Flüchtlinge sogar Impfpässe mit. Die praktische Umsetzung und Organisation der Erstuntersuchung mit Erhebung des Impfstatus sind aber dennoch weiterhin recht schwierig“, ergänzt Baumgartner.

Impfempfehlungen für Flüchtlinge und Einheimische ident

Der österreichische Impfplan des Gesundheitsministeriums empfiehlt für alle Menschen, daher auch für Flüchtlinge, Asylsuchende und Migranten ohne positiven Impfstatus eine Reihe von Nachholimpfungen. Jeder, der in einem Erstaufnahmezentren aufgenommen wird, sollte gemäß dem aktuellen Österreichischen Impfplan geimpft werden. Dazu erläutert Zwiauer folgendes: „Als Mindestversorgung sind dies prioritär die Impfung gegen Masern, Röteln, Mumps und die Vierfach-Impfung gegen Diphtherie, Tetanus, Pertussis und Polio.“

Verfügbarkeit von Impfstoffen

In letzter Zeit wird immer wieder von Lieferengpässen berichtet. Die Situation hat sich jüngst jedoch deutlich entspannt. Meist sind die betroffenen Arzneimittel beziehungsweise Impfstoffe aber nach wenigen Tagen wieder verfügbar. „Damit aus Lieferengpässen keine Versorgungsengpässe werden, investieren die Apothekerinnen und Apotheker sehr viel Zeit und Engagement und suchen für den Kunden gezielt nach alternativen Lösungen. Im Gegensatz zu anderen Arzneimitteln ist das bei Impfstoffen aber nicht so einfach, da der Impfstoffmarkt ständig in Bewegung ist“, erklärt Mag. pharm. Heinz Haberfeld, Präsident der Apothekerkammer Niederösterreich. Globale Fusionen führen mitunter dazu, dass Produkte nicht weiterentwickelt oder aus dem Portfolio genommen werden. Für viele Impfstoffe/Impfstoffkombinationen gibt es oft nur wenige beziehungsweise gar nur einen einzigen Hersteller. „Bei Produktionsausfällen kann es dann schnell zu Lieferengpässen kommen. Aktuell ist allerdings auch der erwähnte Vierfachimpfstoff gegen Diphtherie, Tetanus, Pertussis und Polio wieder in allen Apotheken erhältlich“, so Haberfeld.

Mangelnde Impfbereitschaft des Gesundheitspersonals

Besonders wichtig ist es aber auch, dass das Gesundheitspersonal und die betreuenden Personen (Helfer) einen ausreichenden Impfschutz haben. Um die Impfbereitschaft des Gesundheitspersonals ist es in Österreich aber leider relativ schlecht gestellt. „Obwohl jeder Ersthelfer die vom Obersten Sanitätsrat empfohlenen Impfungen gratis zur Verfügung gestellt bekommt, gibt es immer noch Personen, die nicht ausreichend geschützt sind“, so Zwiauer.

Impfaktionen in Apotheken

Die Impfung zählt zur wichtigsten und wirksamsten Vorsorgemaßnahmen, um die Gesundheit zu schützen. „Aus diesem Grund rufen Apotheker gemeinsam mit dem Bundesministerium für Gesundheit, der Industrie und den Sozialversicherungen über das Jahr verteilt zahlreiche Impfaktionen ins Leben“, so Haberfeld. Während des Aktionszeitraums werden Impfstoffe vergünstigt abgegeben. Eine davon ist beispielsweise die Impfaktion gegen FSME, die noch bis 31. Juli 2016 läuft. Ein ausreichender Impfschutz gegen die gefährliche Frühsommer-Meningoenzephalitis ist sowohl für Erwachsene als auch für Kinder, die sich in Österreich aufhalten, besonders empfehlenswert.

Flüchtlinge nicht oder kaum kränker als übrige Bevölkerung

Kaum ein anderes Thema hat in den letzten Monaten so polarisiert wie das Thema Flüchtlinge und Asylsuchende. Im Zuge der Diskussion geht es auch um Krankheiten, die möglicherweise von Flüchtlingen nach Europa eingeschleppt werden. „Flüchtlinge sind für uns keine Gesundheitsbedrohung. In der Regel sind es gesunde Männer zwischen 20 und 35 Jahren, manchmal auch junge Frauen und Kinder. Für chronisch Kranke wäre die Reise wahrscheinlich zu beschwerlich. Meist leiden die Flüchtlinge – so wie wir auch – an grippalen Infekten. Dennoch ist das Wissen über seltene Infektionen wichtig. Eine valide Einschätzung der Empfänglichkeit für impfpräventable Erkrankungen in dieser Bevölkerungsgruppe ist allerdings sehr schwierig“, so Zwiauer. Informationen zu akut behandlungsbedürftigen und für Österreich ungewöhnlichen Erkrankungen, die bei Asylsuchenden auftreten können, gibt es auf der Website der NÖ Ärztekammer unter www.arztnoe.at im Bereich „Ärztliche Tätigkeit/Impfen/7. NÖ Impftag“.

„….auf der Flucht!“

Nachdem in Österreich ein Asylantrag gestellt wurde, wird bei jedem Asylwerber eine Erstuntersuchung durchgeführt. In diesem Rahmen finden bei Bedarf auch Impfungen statt beziehungsweise bestehen auch noch später Möglichkeiten für Flüchtlinge, sich impfen zu lassen. In Österreich gibt es keine Impfpflicht, das bedeutet, jeder Mensch hat das Recht, für sich zu entscheiden, ob er geimpft werden möchte. Dr. Thomas Wochele-Thoma, ärztlicher Leiter der Caritas Wien: „Bei Menschen auf der Flucht sind Information und Aufklärung bezüglich Impfungen besonders wichtig, stellen aber oftmals eine schwierige Aufgabe dar. Einerseits aufgrund der Sprachbarriere und andererseits aufgrund anderer kultureller Vorstellungen sowie der oft langen und strapaziösen Flucht. Es ist also wesentlich, Rahmenbedingungen zu schaffen, die ausreichend Zeit für eine Arzt-Patienten-Beziehung und ein Ankommen im österreichischen Gesundheitssystem ermöglichen. Dazu zählt auch die Information und Aufklärung in der Landessprache.“

Sich fortbilden und dabei Kindern in Syrien helfen

Mehrere Schüler haben sich im Vorfeld zum NÖ Impftag mit der Frage auseinandergesetzt, was ihnen besonders wichtig ist und sie daher für ihre Zukunft schützen wollen. Unter der Leitung der österreichischen Künstlerin Katharina Müller-Hartburg schufen Schülerinnen und Schüler mehr als 50 Kunstwerke zum Thema „schützenswerte Zukunft“. Ab sofort gibt es die Möglichkeit, die Bilder online unter www.kindern-helfen.at zu ersteigern. Zehn Bilder werden im Rahmen des NÖ Impftages direkt vor Ort im Stift Melk unter den anwesenden Ärzten und Apothekern versteigert werden. Der Reinerlös wird an ein Kinderprojekt in Syrien der Caritas gehen. „Wir laden jeden Interessierten ein, sich an der Versteigerung zu beteiligen und wünschen uns, dass wir mit Hilfe zahlreicher Ärztinnen und Ärzte sowie Apothekerinnen und Apothekern einen Scheck in beachtlicher Höhe an die Caritas überreichen dürfen“, so Zwiauer abschließend.

Derzeitige Impfaktionen in den österreichischen Apotheken:

  • FSME: bis 31. Juli 2016, Zuschüsse einiger Kassen sind ganzjährig
  • Pneumokokken: bis 31. März 2016, Zuschüsse einiger Kassen gelten bis 31.8.2016
  • Meningokokken B: bis 30. Juni 2016
  • Hepatitis: 1. April bis 31. Mai 2016

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