TIROLER TAGESZEITUNG AM SONNTAG "Leitartikel" Sonntag, 21. Februar 2016, von Wolfgang Sablatnig: "Notwehr in Zeiten der Zäune"

Österreich nimmt noch immer mehr Flüchtlinge auf als viele andere Staaten. Europäisch ist sein Alleingang aber nicht.

Innsbruck (OTS) - Und aus. Österreich macht seine Südgrenzen gegen Flüchtlinge dicht. Und die „Koalition der Willigen“ war einmal, zumindest aus rot-weiß-roter Sicht.
Ist das die neue Wirklichkeit in der Flüchtlingspolitik? So simpel ist die Antwort nicht. Zwar hat Bundeskanzler Werner Faymann die Notbremse gezogen und die Willkommenskultur durch Obergrenzen, Zäune und Kontrollen ersetzt. Er hatte aber keine Alternativen. Noch einmal, so wie im Vorjahr, fast 100.000 Flüchtlinge aufnehmen? Mit dieser Position wäre er in Österreich fast so einsam wie die deutsche Kanzlerin Angela Merkel. Und eine europäische Lösung ist ferner denn je.
Diese Lösung scheitert nicht an der Türkei, auf die alle so gerne mit den Fingern zeigen. Sie scheitert an den europäischen Ländern, die keine Flüchtlinge aufnehmen. Faymann hat vorgerechnet, dass zwei Millionen Menschen versorgt werden könnten, wenn alle Länder anteilsmäßig so viele Flüchtlinge aufnehmen wie Österreich. Tatsächlich beschränken sich die Aufnahmen aber auf Deutschland und Österreich.
Österreich bleibt also willig. Sehr wohl stellte die Alpenrepublik seine Partner aber vor vollendete Tatsachen. Andere Länder auf der Balkanroute müssen nachziehen, sollen sich die Flüchtlinge nicht bei ihnen stauen.
Dieser Alleingang folgt den europäischen Realitäten. Wer erinnert sich noch an die Solidarität? Die neuen Erfolgsfaktoren sind Egoismus, Erpressung und Bestemm, wie das flüchtlingsfreie Osteuropa und der britische Sonderweg zeigen. Die Flüchtlingskrise wird (hoffentlich) einmal Geschichte. Der Wiederaufbau der europäischen Werte wird mehr Zeit in Anspruch nehmen.

Rückfragen & Kontakt:

Tiroler Tageszeitung
0512 5354 5101
chefredaktion@tt.com

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT0001