TIROLER TAGESZEITUNG, Ausgabe vom 15.02.2016, Leitartikel von Peter Nindler: "Verkehrte Welt am Brenner"

Innsbruck (OTS) - Verkehrte Welt am Brenner: Wie perlt doch eine abgestimmte Verkehrspolitik gegenüber der Europäischen Union im südlichen Tirol ab, wenn es um höhere Lkw-Mauten geht; eine gemeinsame Tourismuswerbung wird hinter und vor dem Brenner gar nicht einmal angedacht; und die Trentiner Abgeordneten reisten beim Dreierlandtag in Schwaz in bester Ausflugsmanier sogar vorzeitig ab, worauf das gemeinschaftliche Hohe Haus im „Europäischen Verbund territorialer Zusammenarbeit“ sogar beschlussunfähig war. So viel zur viel beschworenen Europaregion Tirol und der aktuellen Aufregung um geplante Grenzkontrollen.
Entlang der Brennerachse orientierte sich die Flüchtlingspolitik bisher ebenfalls am Durchreiseprinzip. Weil die Schutzsuchenden aus den (nord)afrikanischen Staaten und den Kriegsgebieten im Nahen Osten vorwiegend nach Deutschland wollen, hielt sich das Flüchtlings- und Asylmanagement der Europaregion in bescheidenen Grenzen. Die eingerichtete Task-Force klingt zwar militärisch gut organisiert, ist jedoch mehr als vage. Die Euregio agiert in der Migrationspolitik wie in vielen anderen Politikfeldern bedeutungsschwanger, aber inhaltsleer. Deshalb definieren die Pizza am Brenner, Ikea in Innsbruck und der Gardasee nach wie vor die persönlichen Nützlichkeiten der grenzüberschreitenden Region.
Die (politische) Symbolik überwiegt, am liebsten geht aber jeder seine Wege; Südtirol, Tirol und das Trentino. Jetzt reduziert sich das Bedeutsame eben auf den historisch belasteten Brenner; weil er über die Grenzen hinaus die schmerzhafte Zerreißung Tirols und gleichsam ihre Überwindung im europäischen Integrationsprozess symbolisiert. Deshalb spricht LH Günther Platter in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung von einer mittleren Katastrophe, sollten wieder Grenzen eingezogen werden. Aber es ist auch eine Tatsache, dass Platter wegen der Flüchtlingsströme in letzter Konsequenz das nordtirolische Hemd näher ist als der Rock der Europaregion.
Ein Grenzzaun wäre ein verheerendes Signal. Aber so sichtbar er ist, so unsichtbar sind weiterhin die vielen kleinen Grenzbalken in den Köpfen. Selbst jene politischen Kräfte, die mit Grenzverschiebungen und Doppelstaatsbürgerschaften diese durchbrechen wollen, schotten sich ab, wenn es ums Eingemachte geht. Was tragen etwa Südtirols Schützen oder die Freiheitlichen zur Lösung der Flüchtlingskrise bei? Nichts! Deshalb hält die Euregio Grenzkontrollen leicht aus, weil es eigentlich noch zu wenig Gemeinsamkeiten gibt. Die Flüchtlingsfrage hält ihr den Spiegel vor, der Grenzzaun ist die Halterung dafür.

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