TIROLER TAGESZEITUNG: Leitartikel vom 31. Jänner 2016 von Mario Zenhäusern - Lichtgestalt im Abseits

Innsbruck (OTS) - Nie zuvor hatte die EU innere Geschlossenheit nötiger als derzeit. Trotzdem driftet sie immer weiter auseinander.

Angela Merkel hat mit ihrem „Wir schaffen das“ die Büchse der Pandora geöffnet. Ob die EU das überlebt, ist mehr als fraglich.

Angela Merkel galt jahrelang als die unumstrittene Nummer eins in der Europäischen Union. „Mutti“, wie die Deutschen ihre Bundeskanzlerin nennen, gab den Takt vor, die Regierungschefs folgten ihr. Daran änderten auch die Wirtschafts-, Euro- und Griechenland-Krisen nichts. Merkel war die Galionsfigur der EU.
Seit dem Sommer des Vorjahres hat dieses Bild Kratzer. Angela Merkels menschlich mutiger, aber rechtlich umstrittener Schritt, für syrische Flüchtlinge das Dublin-Abkommen auszusetzen (wonach das Asylverfahren in jenem Staat zu führen ist, in dem der Betreffende europäischen Boden betreten hat), öffnete die Büchse der Pandora. An der dadurch ausgelösten Flüchtlingswelle droht die Europäische Union zu zerbrechen. Zu einem Zeitpunkt, wo innere Geschlossenheit der erfolgversprechendste Ansatz zur Lösung des Problems ist, driftet die Staatengemeinschaft auseinander wie noch nie zuvor. Die EU ist gespalten in eine Allianz der Willigen, allen voran Deutschland, Österreich und Schweden, und in jene Staaten, die sich weigern, Flüchtlinge aufzunehmen.
Ähnlich unverrückbar wie beim EU-internen Konflikt sind die Positionen, was die eigentliche Lösung des Problems anbelangt. Statt mit vereinten Kräften daran zu arbeiten, den Flüchtlingsstrom zu kanalisieren und in Aufnahmezentren an den EU-Außengrenzen in schutzbedürftige und Wirtschaftsflüchtlinge zu unterteilen, ereifern sich alle Beteiligten in gegenseitigen Schuldzuweisungen. Obwohl jedem klar ist, dass Griechenland und Italien nie und nimmer in der Lage sein werden, ihre Außengrenzen wirksam zu sichern, hagelt es Vorwürfe und Ausschlussdrohungen statt effektive Hilfe.
Angela Merkel hat diese neuerliche Krise, die vielleicht die letzte sein könnte, nicht gewollt. Mitverantwortlich ist sie trotzdem.

Rückfragen & Kontakt:

Tiroler Tageszeitung
0512 5354 5101
chefredaktion@tt.com

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT0001