OÖNachrichten-Leitartikel: "Wo bleibt denn, bitte schön, der Anstand?", von Gerald Mandlbauer

Ausgabe vom 30. Jänner 2016

Linz (OTS) - Selbst mit einer namentlichen Registrierung und dem damit verbundenen Wegfall einer Anonymisierung ist den Hassorgien und Rüpeleien in den Sozialen Medien nicht beizukommen. Die OÖN haben daher ihren Anwalt beauftragt, eine schärfere Vorgehensweise gegen beleidigende Postings vorzubereiten. Doch weit über rechtliche Normen hinaus führt die Frage, was es bedeutet, wenn Sitte und Anstand verloren gehen, die Hemmschwellen im Umgang miteinander sinken. Den Rüpeln und den Plärrenden gehört das Netz. Bald die reale Welt, wenn die Gebräuche aus dem Virtuellen sich im echten Leben verankern? Wenn ein Gastwirt in Bad Leonfelden einer Regierungspartei die Tür weist und im Netz Tausende johlend ihre Häme über die Ausgesperrten schütten, so ist das eine solche Taktlosigkeit, die dazu ermuntert, die Hemmschwellen weiter zu senken. Das gehört gesagt, und zwar egal, ob rote, grüne, blaue oder schwarze Politiker davon betroffen gewesen wären. Der Wirt ist nicht Held, sondern Beitragstäter zur Verrohung der Sitten, auch wenn er vielleicht hinterher über die Publizität selbst erschrocken gewesen sein mag.
Wir schlagen dem Vizekanzler die Gasthaustür vor der Nase zu, wir nennen den Kanzler einen „Staatsfeind“, Felix Baumgartner bezeichnet gleich die ganze Regierung als „Idioten“. Immer mehr fühlen sich ermuntert, an dieser Spirale der Respektverletzung zu drehen. Vom Rest wird die Enttabuisierung der öffentlichen Beleidigung mehr oder weniger hingenommen, weil fehlender Respekt und verbales Muskelspiel mit Kommunikation auf Augenhöhe, mit politischer Teilhabe, mit Recht auf Meinungsäußerung verwechselt werden. Außerdem gilt der Regelverstoß als Mittel, sich Gehör zu verschaffen. Die Lauten wirken stärker, sie erfahren Resonanz. So viel Echo, wie ihm das Wirtshausverbot für Reinhold Mitterlehner gebracht hat, wird der Bad Leonfeldner Gastwirt in seinem Leben nie wieder erhalten. Hoffentlich begreift er das nicht als Ermunterung.
Was dabei verwundert, ist, dass diese Leute meinen, ihren Argumenten Schub zu verleihen, wenn sie sie lärmend hinausschreien, oder um Schimpfworte und Beleidigungen angereichert. Das Gegenteil ist der Fall. Wer plärrt und flegelt, bringt zum Ausdruck, dass er keine Argumente hat. Und noch eines: Eine Gesellschaft, deren Bürger Respekt voreinander missen lassen, beginnt zu kapitulieren.

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