TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Land der Wunderwuzzis", von Mario Zenhäusern

Ausgabe vom 16. Jänner 2015

Innsbruck (OTS) - Ein erfolgreicher Minister sollte entweder über das nötige Fachwissen verfügen oder aber ein guter Politiker sein. In Österreich reicht es auch, von Gewerkschaften, Parteiflügeln oder renitenten Landesfürsten unterstützt zu werden.

Österreich ist ein Land der Experten. Gemeint sind nicht jene fünf bis sechs Millionen Fußball-Fachleute, die immer besser wissen als der Teamchef, in welcher Aufstellung und mit welcher Taktik die Nationalmannschaft auflaufen soll. Auch nicht die Hunderttausenden Hobby-Wintersportler, die Ursachen für das schlechte Abschneiden der heimischen Adler schon erkennen, bevor die Springer noch in der Anlaufspur sind.
Nein, dieses Mal sollen sich die richtigen Experten angesprochen fühlen. Die für Straßenbau zum Beispiel, oder die Verkehrsplaner, die Zukunftsforscher, die Mediziner, die Physiker, Techniker, Sozialarbeiter, die Psychologen, Lehrer, Tischler, Hoteliers, Maler, Maurer und wie sie alle heißen. Sie alle haben eine Ausbildung absolviert, die sie befähigt, ihren Beruf auszuüben. Und keinem fiele ein, von einem Tag auf den anderen das Fach zu wechseln. Kein Lehrer kann am nächsten Tag Tischler sein, kein Zahnarzt Tunnelbauer.
In der Politik ist das anders, wie die SPÖ diese Woche wieder einmal demonstriert hat. Da erhält Alois Stöger, erfolgloser Gesundheitsminister, der sich in den vergangenen 16 Monaten ebenso erfolglos als Bundesminister für Verkehr, Innovation und Technologie versuchte, schon einmal eine dritte Chance im Sozialministerium. Und Verteidigungsminister Klug, dem die Landesverteidigung so sehr am Herzen lag, dass er das dafür verantwortliche Bundesheer zu Tode sparte, darf sich jetzt im Verkehrsressort austoben. Dabei haben die Tiroler noch genug von den „Geschenken“ seiner Vorgänger (Unterinntal- und Brennermaut). Klug ist übrigens der zwölfte Verkehrsminister nach Rudolf Streicher, der sich bis 1992 im Amt hielt. Die Halbwertszeit beträgt nicht ganz zwei Jahre, sechs Ressortchefs schafften nicht einmal das.
Natürlich gibt es auch in der ÖVP Wunderwuzzis. Martin Bartenstein etwa kümmerte sich der Reihe nach um die Bereiche „Öffentliche Wirtschaft und Verkehr“, „Umwelt“, „Umwelt, Jugend und Familie“ und zuletzt „Wirtschaft und Arbeit“. Fachwissen allein ist nämlich tatsächlich kein absolutes Muss bei der Besetzung von Ministerposten. Gute Politiker, so lautet ein geflügeltes Wort, sind in jedem Ministerium erfolgreich. In Österreich kommen darüber hinaus auch Kandidaten zu Ministerehren, die weder über Fachwissen verfügen, noch gute Politiker sind. Ihre Legitimation schöpfen sie meist aus der Unterstützung der Gewerkschaft, eines Parteiflügels oder der Befriedung eines renitenten Landeskaisers. Wen wundert’s da, dass die Politik im Allgemeinen und die Bundesregierung im Besonderen immer mehr an Ansehen verliert?

Rückfragen & Kontakt:

Tiroler Tageszeitung
0512 5354 5101
chefredaktion@tt.com

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT0001