TIROLER TAGESZEITUNG: Leitartikel vom 11. Jänner 2016 von Mario Zenhäusern - Vergebene Chance

Innsbruck (OTS) - Kommt es bei der Bundespräsidentenwahl zur Stichwahl, kann ÖVP-Kandidat Andreas Khol mit Unterstützung aus dem freiheitlichen Lager rechnen. Ein Signal an die Frauen ist er genauso wenig wie seine chancenreichsten Konkurrenten.
Andreas Khol also. Der 74-jährige Europäer – geboren auf Rügen im Nordosten Deutschlands, aufgewachsen in Südtirol, wohnhaft in Tirol und Wien – geht für die ÖVP ins Rennen um das Amt des Bundespräsidenten. Der „christlich-soziale Konservative“ (© Khol) steigt als Ersatz für Erwin Pröll in den Ring. Der niederösterreichische Landeshauptmann, dem seit Jahren Ambitionen auf den Platz in der Hofburg nachgesagt werden (die Pröll übrigens immer dementierte), hatte Reinhold Mitterlehner einen Korb gegeben. Er düpierte damit sowohl den Parteichef als auch sämtliche VP-Granden. In den Tagen vor Bekanntwerden der endgültigen Absage Prölls hatte nämlich die komplette Parteispitze den mächtigsten ÖVP-Landesfürsten zum besten aller Kandidaten gekürt. Der aber blieb allen Huldigungen zum Trotz beim Nein – und stempelte damit jeden anderen ÖVP-Kandidaten zur zweiten Wahl.
Es wäre aber falsch, Khol als reinen Zählkandidaten zu betrachten. Zwar ist die Aufgabe schwer, weil mit der parteifreien Irmgard Griss, Alexander Van der Bellen von den Grünen und vermutlich Rudolf Hundstorfer von der SPÖ zumindest drei attraktive Konkurrenten warten. Allerdings steigt mit jedem zusätzlichen Kandidaten die Wahrscheinlichkeit, dass die Entscheidung in einer Stichwahl fällt. Und Khol hat, wie auch Hundstorfer und Van der Bellen, realistische Chancen, die erste Runde zu überstehen.
Vieles wird davon abhängen, ob und mit welchem Engagement sich die FPÖ am Kampf um die Hofburg beteiligt. Die ÖVP rechnet nämlich damit, dass die Freiheitlichen in einer Stichwahl mit wehenden Fahnen ins Lager von Andreas Khol wechseln, dem Architekten der schwarz-blauen Wende. Denn der hätte, im Gegensatz zu den beiden anderen Stichwahl-Favoriten, keine Probleme mit der Angelobung einer Bundesregierung mit FPÖ-Beteiligung.
Andreas Khol ist ein bürgerlicher Kandidat, der christlich-konservative Wählerschichten anspricht, wohl auch freiheitliche. Ein Signal an die Frauen, die mehr als die Hälfte der gesamten Wählerschaft stellen, ist er nicht. Das macht insofern nichts, weil das ja auch seine vermeintlich stärksten Konkurrenten Rudolf Hundstorfer und Alexander Van der Bellen nicht wirklich sind. Schade ist das trotzdem, und eine vergebene Chance. Bei der Bundespräsidentenwahl hätten die Parteien nämlich den Beweis antreten können, dass sie ihre Wahlslogans von der Gleichberechtigung ernst meinen.

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