TIROLER TAGESZEITUNG: Leitartikel vom 10. Jänner 2016 von Christian Jentsch - Fundament Europas gerät ins Wanken

Innsbruck (OTS) - „Innerhalb der Europäischen Union wird eifrig an ihrer Demontage gearbeitet.“

Europa muss sich dem Überlebenskampf stellen. Die Kritiker der EU sehen sich im Hoch, auch wenn sie keine Antworten haben.

Europa gilt in der großen weiten Welt als Hort des Wohlstands, als Hort des Friedens, der Demokratie und der Rechtsstaatlichkeit – als Ort der Sehnsucht nicht nur für Millionen Flüchtlinge aus dem kollabierenden Nahen Osten. Europas Sterne glänzen noch immer – zumindest in der Wahrnehmung außerhalb. Innerhalb der Europäischen Union wird hingegen eifrig an ihrer Demontage gearbeitet. Von der Schuldenkrise und dem Kampf um den Euro bereits heftig gebeutelt, ist das Fundament eines gemeinsamen Europa im Zuge der Flüchtlingskrise heftig ins Wanken geraten. Europa zeigt sich überfordert, zerstritten und gelähmt – die immer wieder beschworene Solidarität unter den Mitgliedsländern bleibt eine leere Phrase.
Bereits in der Schuldenkrise, in Gang gesetzt durch eine ungebremste Schuldenrallye unverantwortlicher Regierungen, öffneten sich tiefe Abgründe. Abgründe, die nur mit größter Mühe und allerlei Tricks unter Aufgabe aller festgeschriebenen Regeln zugeschüttet werden konnten. Deutschland als Zugpferd der vielerorts schwächelnden europäischen Wirtschaft wurde in eine Führungsrolle gedrängt, die es widerwillig annehmen musste. Was wiederum sofort die Kritiker Berlins auf den Plan rief.
Im Schatten der Flüchtlingskrise kämpft Europa nun um sein Überleben. Von allen Seiten gerät die Union unter Druck. Innerhalb Europas senken sich die Grenzbalken, europafeindliche Rechtspopulisten sehen sich in vielen Ländern bereits kurz vor der Regierungsübernahme und in Polen und Ungarn geht man trotz großzügiger Förderungen aus Brüssel ganz offen auf Konfrontation zur EU – auch wenn es um rechtsstaatliche Prinzipien geht. Doch was folgt, wenn Europa zerfällt? Darauf geben die Polterer keine Antwort – wohl auch deswegen, weil sie außer dem Drang zur Macht nur wenig Ideen zur Zukunft unseres Kontinents haben.

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