TIROLER TAGESZEITUNG, Ausgabe vom 10.01.2015, Leitartikel von Alois Vahrner: "Für die Freiheit und Mäßigung"

Innsbruck (OTS) - Untertitel: Die zwei Charlie-Hebdo-Attentäter sind tot, ein Geiselnehmer in einem jüdischen Lebensmittelgeschäft ebenfalls.
Die Lunte, die als Folge des brutalen Attentats in Paris brennt, muss unter allen Umständen gelöscht werden.

Mit einem Doppelschlag hat die französische Polizei gestern jenen Irrsinn blutig beendet, der am Mittwoch mit dem unfassbaren Attentat beim Satiremagazin Charlie Hebdo in Paris seinen Ausgang genommen hatte. Zwölf Journalisten, Zeichner und Polizisten waren im Kugelhagel des fanatisierten islamistischen Brüderpaars hingerichtet worden. Bei den gestrigen Geisel-Befreiungsaktionen starben weitere Menschen.
Es war ein gezielter und überaus brutaler Terroranschlag auf die Pressefreiheit, ja, aber noch viel mehr ein Generalangriff auf die Freiheit in westlichen Demokratien. Der Schock sitzt weiterhin überall tief. Groß ist auch die Sorge, dass sich die Spirale der aus den Konflikten in Syrien und dem Irak nach Europa importierten Gewalt mit vielen zurückgekehrten Kämpfern fortsetzen könnte.
Die so hart und mit vielen Opfern erkämpften europäischen Grundrechte sind unteilbar und müssen unumschränkt verteidigt werden. Neben der Presse- und Meinungsfreiheit auch alle anderen elementaren Grundpfeiler einer westlichen Demokratie, auch die Trennung von Staat und Religion. Kompromisse darf es hier nicht geben. Für Terroristen ohnehin nicht, aber auch nicht für überzogene Gegenreaktionen der Staaten. Man denke nur an die nach den verheerenden Terroranschlägen von New York augehebelten Bürgerrechte wie die Datensicherheit.
Was aber ebenso unter allen Umständen verhindert werden muss, ist eine Radikalisierung, ein weiteres Auseinanderdriften in Parallelgesellschaften. Mäßigung, gerade auch der Worte, und Dialog sind jetzt der einzige Weg. Das gilt auch für die Pegida-Demonstrationen, die gar nichts zu einer Entschärfung der Lage beitragen, im Gegenteil. Hier müssen alle Parteien und alle Religionen, und mehr denn je auch der Islam, sowie die riesige konstruktive Mehrheit der Bevölkerung ihren Teil beitragen.
Nach den Vorkommnissen in dieser Woche daher besonders wichtig:
Während des Freitagsgebets haben Imame in ganz Frankreich gestern den Anschlag auf Charlie Hebdo scharf verurteilt und zur Gewaltlosigkeit aufgerufen. Die Attentäter seien "Kriminelle, keine Muslime", sagte etwa der Geistliche Chabbar Taieb, der fünf Moscheen in Paris vorsteht. Eine Folge der Bluttat sei nun, dass überall die Furcht vor Muslimen zunehme und die Muslime ebenfalls in Furcht leben. Religion, und da hat auch das Christentum seine dunkle Vergangenheit hinter sich, darf nie Triebfeder zur Gewalt sein, das ist purer Missbrauch. Religionen müssten vielmehr die Lösung sein.

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