OÖNachrichten-Leitartikel: "Ich und der Islam, Kopf gegen Bauch", von Gerald Mandlbauer

Ausgabe vom 10. Jänner 2015

Linz (OTS) - Schlecht gelaunte Rentner, nörgelnde Nachbarn, zunehmende Distanz zwischen Bürger und Politik, Unbehagen überall, mit diesen Klischees wird eine allgemeine Verdrossenheit beschrieben, die in der Luft liegt, messbar an den zu Jahresbeginn erhobenen Umfragen: In diesen hat der Pessimismus klar die Oberhand.
Und darüber sollte hier und heute eigentlich geschrieben werden. Besser darüber, dass wir mehr Optimisten brauchen. Doch der Terror in Paris zwingt zu einer anderen Tonlage, auch wenn es im Ergebnis auf dasselbe hinausläuft. Mainstream heute ist das Gefühl, dass Ordnungen und Sicherheiten durcheinander geraten, dass unser Leben aus hunderten von Baustellen besteht, dass Werte und Wohlstand bedroht sind. Dieses Empfinden hat durch den radikalislamistischen Terror zusätzliche Nahrung erhalten, denn Paris liegt mitten unter uns, Distanzen gibt es keine mehr in dieser neuen Welt.
Eine wohltuende Ausnahme in diesem grauen Meinungsbild sind die Jüngeren. Sie sind mehrheitlich optimistischer. Aus ihrem Reservoir, das jede Gesellschaft zur Erneuerung braucht, müssen sich die Tatkräftigen speisen, die Ermunterer und Pioniere, also jene, die den Laden treiben, die sich über Turbulenzen und Hürden hinwegsetzen und die Zukunft als Möglichkeit verstehen und nicht als Bedrohung.
Doch diese positive Erwartung hat es nicht leicht, erst recht nicht nach dieser Woche. Zwar wissen wir auf der Verstandesebene auch in dieser Frage des Terrors noch gut zu trennen zwischen gewaltbereitem Islam und der überwältigenden Masse der gemäßigten Muslime. Ebenso sagt uns der Verstand, dass zwischen IS-Kriegern und den von ihnen gejagten Syrern, die den Westen als Flüchtlinge überschwemmen, doch eine Unterscheidung gemacht werden muss. Trotzdem findet die Verallgemeinerung statt. Denn der Bauch als Sitz unserer Emotionen ist stärker. Tief in vielen von uns schlummert das als Bedrohung empfundene Gefühl, dass unsere westliche Ordnung und der Islam auf einen endgültigen Konflikt zulaufen, den der Westen mit seinen Prinzipien nicht gewinnen kann. Es geht dabei nicht mehr um eine Auseinandersetzung zwischen Staaten, auch nicht um den Kampf von Kulturen oder Religionen, sondern um das Aufeinanderprallen von öffentlich ausgebreiteten Emotionen, angeheizt von radikalen Gruppen. Folge davon wird sein, dass sich die Gesellschaft radikalisiert. Nach dieser Woche ist es schwerer geworden, aber trotzdem notwendig, den Leuten zuzurufen und zu sagen: Schaltet euren Verstand ein! So weit muss es nicht kommen. Bleibt nüchtern, wägt ab, bauscht die Dinge nicht auch noch verantwortungslos auf!
Doch Gefühle und Stimmungen sind mächtig. Mögen zwar Grenzen verschwunden, die Welt kleiner geworden sein, so sind doch unsere Instinkte dieselben geblieben. Das Andere, das Fremde, das Nichtgewohnte, es bleibt uns weiterhin fremd. Auch sind wir klischee-gesteuert, weil Stereotype es uns in einer komplizierter gewordenen Welt erleichtern, die Übersicht zu bewahren: der gute Christ, der böse Muslim, der gierige Hedgefonds-Manager, der unfähige Politiker, die faulen Südländer, die stehlenden Ost-Banden. Diese Schwarz-Weiß-Modelle reduzieren die übergroße Komplexität des modernen Lebens. Selbst wenn wir wissen, dass diese Vereinfachungen falsch sind, weil sie die individuellen Unterschiede in allen diesen Gruppen ignorieren, so entfalten sie doch ihre Wirkung, bei vielen von uns.
So entsteht der ideale Humus für Gerüchte, Wahnvorstellungen und Verschwörungen. Das Verschweigen und Tabuisieren der Migrationsprobleme - ein kleiner innerösterreichischer Exkurs - hat das Seine zu dieser Stimmung beigetragen. Wir haben die mit dem Islam verbundenen Probleme zu lange kleingeredet. Denn Ängste und Schwierigkeiten kann nur bezwingen, wer sie auch als solche benennt und wer sich mit dem Anderen und dem Fremden intensiv auseinandersetzt.
Klischees können gebrochen werden, am besten durch noch stärkere, positive Emotionen. Der Schwiegervater, dem ein syrischer Arzt mit einer Operation am Herzen das Leben gerettet hat, hat eine solche elementare Grunderfahrung gemacht, die ihn vieles in einem anderen Licht erkennen lässt.

Wertschätzung und Verständnis reifen allerdings nicht in Einbahnstraßen, es kann nicht die Rolle des Westens in diesem Konflikt mit dem Islam sein, das Toleranzpatent exklusiv zu vertreten. Zum Aufeinanderzugehen gehören immer noch zwei. Und auf lange Sicht wird kein Weg daran vorbeiführen, die islamischen Gesellschaften zu demokratisieren. Dies auf die absehbare Gefahr hin, dass es dadurch erst einmal noch unruhiger und unüberschaubarer werden könnte. Trotzdem leben wir hier und heute noch immer in der besten aller Welten.

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