• 16.05.2013, 15:29:43
  • /
  • OTS0270 OTW0270

Erinnerungen Mark Twains an turbulente Parlamentssitzungen 1898/99

Parlamentsdirektion publiziert Texte des US-Schriftstellers über den Parlamentarismus in der Monarchie

Utl.: Parlamentsdirektion publiziert Texte des US-Schriftstellers
über den Parlamentarismus in der Monarchie =

Wien (PK) - Reportagen aus dem Parlament sind nicht nur heute von
großem öffentlichen Interesse. Schon zur Zeit der Monarchie
verfolgten Journalisten und interessierte Bürger die Debatten im
Abgeordnetenhaus des damaligen Reichsrats. 1898 zog es sogar einen
bedeutenden Besucher aus dem fernen Amerika, den Schriftsteller Mark
Twain, der sich knapp zwei Jahre in der Metropole der österreichisch-
ungarischen Monarchie aufhielt, in das Parlament in Wien.

Seine Eindrücke dort fasste er in zwei Texten zusammen. Er beschreibt
etwa eine überaus turbulente Reichsratssitzung, die fast zwei volle
Tage und eine Nacht dauerte. In dieser Sitzung hielt der Abgeordnete
Otto Lecher eine zwölfstündige Rede - die erste Filibuster-Rede des
österreichischen Parlaments -, um die Abstimmung über eine von der
Opposition heftig bekämpfte Sprachenverordnung hinauszuzögern und zu
verhindern. Daneben macht sich Twain in einer bisher in deutscher
Sprache noch nicht zur Verfügung stehenden Schrift Gedanken über das
Wahlrecht und parlamentarische Rechte gegenüber der Regierung.

Die Parlamentsdirektion hat nun auf Anregung der Leiterin der
Parlamentsbibliothek diese Texte im englischen Original sowie in
einer deutschen Übersetzung unter dem Titel: "Mark Twain. Reportagen
aus dem Parlament 1898/1899" veröffentlicht. Neben den durchaus auch
subjektiven Beobachtungen Twains enthält die Publikation
Erläuterungen zum Autor, zum historisch-politischen Umfeld jener
Zeit, zur Situation der österreichischen Presse und nicht zuletzt zum
Antisemitismus im Abgeordnetenhaus sowie erstmals gesicherte
biografische Daten der erwähnten Abgeordneten.

Das genannte Buch ist ab morgen Freitag, dem 17. Mai im
Parlamentsshop erhältlich. Der Shop hat auch während der
Festwochenproduktion "Letzte Tage. Ein Vorabend" von Christoph
Marthaler, die morgen im Historischen Sitzungssaal des ehemaligen
Abgeordnetenhauses Premiere hat, geöffnet. MusikerInnen, SängerInnen
und SchauspielerInnen setzen sich dabei mit der europäischen Politik
nach 1914 auseinander und untersuchen nationalistische und
rassistische Tendenzen im heutigen Europa.

Prammer: Literarische Kostbarkeit und politisches Dokument

"Diese Publikation bietet nicht nur eine literarische Kostbarkeit,
sondern ist auch ein wertvolles Dokument der politischen Verhältnisse
jener Zeit", sagt Nationalratspräsidentin Barbara Prammer. Mark Twain
schildere pointiert die überaus intensiv geführten Debatten im
Abgeordnetenhaus des Reichsrats. Seine Reportagen seien somit auch
ein Beleg dafür, dass Parlamentssitzungen damals um einiges
turbulenter verlaufen sind als heute.

Politisch brisante Zeiten Ende des 19. Jahrhunderts

"Hier im Wien der letzten Tage des Jahres 1897 herrscht eine
Aufregung, die das Blut in Wallung versetzt und einem kaum noch Ruhe
gönnt. Die Atmosphäre knistert geradezu vor politischer Elektrizität.
Alle Gespräche sind politisch; jedermann erinnert an einen Generator
mit abgewetzten Kontakten, der, angesprochen auf die politische Lage,
alsbald blaue Funken versprüht. Ein jeder hat seine Ansicht und tut
sie auch unverblümt und hitzig kund, der Fülle dieser Meinungen
entnimmt man jedoch nichts als Verwirrung und Ratlosigkeit. Denn in
Wahrheit versteht kein Mensch die derzeitige politische Lage, noch
lässt sich ihr Ausgang vorhersagen." So leitet Mark Twain seine
Reportage "Turbulente Zeiten in Österreich" über die politische
Situation im Wien des ausgehenden 19. Jahrhunderts ein.

Den Moment, als der Vorsitzende dem Abgeordneten Lecher das Wort
erteilte, schildert Mark Twain wie folgt: "Darauf brach ein so
wilder, stürmischer und ohrenbetäubender Lärm los, wie er auf unserem
Planeten nicht mehr zu hören war, seit die Komantschen zum letzten
Mal mitten in der Nacht eine weiße Siedlung überfallen haben.
Geschrei von der Linken, Geschrei von der Rechten, Schreiduelle auf
allen Seiten zugleich, und über den Köpfen ein Durcheinander wild
fuchtelnder, wütend drohender Arme und Hände. Aus der Mitte dieses
donnernden und tosenden Sturms erhob sich Dr. Lecher; gelassen und
gesammelt und mit einer Körperlänge gesegnet, die ihn alle anderen
überragen ließ. Er begann seine zwölfstündige Rede." (Schluss) jan

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | NPA

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel