Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Religiöse Werke?"

Ausgabe vom 9. März 2013

Wien (OTS) - Dass die Vorbereitungen zum Konklave so lange dauerten, kann nicht verwundern. Die Kardinäle bekamen in den vergangenen Tagen einen Überblick über die finanzielle Situation des kleinsten Staates der Welt. Nicht alles, was sie gehört haben, wird sie besonders erfreut haben. So gibt es in der katholischen Kirche eine wachsende Zahl von Würdenträgern, die eine Schließung der Vatikan-Bank fordern - wesentlicher Bestandteil des Vermögens. Das "Institut für religiöse Werke", so deren offizieller Name, steckt seit 1982 tief in Skandalen. Geldwäsche, Mafia-Kontakte, Beihilfe zur Steuerhinterziehung, Finanzierung alles andere als religiöser Aktivitäten - da kam einiges zusammen.

Noch die letzte Amtshandlung von Benedikt XVI. betraf die Bank, und selbst dafür muss sich der Vatikan vor der Welt rechtfertigen: Der Mitte Februar ernannte neue Chef des Instituts stammt aus der deutschen Industriellenfamilie Blohm, deren Vermögen aus Militärgeschäften mit den Nazis stammt (deren Werft baute mit "Hilfe" von KZ-Häftlingen Kriegsschiffe und U-Boote).

Katholische Organisationen jeglicher Herkunft bedienen sich der Vatikan-Bank, Spenden aus offiziellen und inoffiziellen Quellen laufen über das Institut. Es gab rund um diese unselige Bank Morde, Selbstmorde und verurteilte Geistliche, die sich im Vatikan vor der Justiz versteckten.

Zu guter Letzt spielte die Bank auch noch eine Rolle in der VatiLeaks-Affäre. Den brisanten Untersuchungsbericht dazu will Joseph Ratzinger nur seinem Nachfolger aushändigen - auch kein besonders ermutigendes Zeichen.

Diesen ungeheuerlichen Intrigen-Haufen zu beseitigen - nichts weniger soll der künftige Pontifex bewerkstelligen. Dazu müsste der Vatikan rasch umorganisiert werden, aber schnell geht dort gar nichts.

Bliebe also als Ausweg, die Vatikan-Bank zu schließen und die Geldströme über Banken zu leiten, die nicht nur höherer, sondern auch irdischer Aufsicht unterstehen. Ob sich der künftige Papst dazu durchringen darf, das weiß in der Tat nur Gott. Jedenfalls wird kommende Woche nicht nur das spirituelle Oberhaupt einer mächtigen Glaubensgemeinschaft gewählt, sondern auch ein absolutistischer Herrscher, in dessen Hofstaat es stinkt. Keine leichte Aufgabe für die 115 Kardinäle, die wohl nicht annehmen, dass die Prophezeiung des Malachias zutrifft, wonach der künftige Papst der letzte sein wird.

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