• 23.12.2012, 17:05:35
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Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Entzaubert, entfesselt"

Ausgabe vom 24. Dezember 2012

Utl.: Ausgabe vom 24. Dezember 2012 =

Wien (OTS) - Es ist schon interessant, wie in unser angeblich so
vernetzten Welt zwei einander völlig entgegengesetzte Trends synchron
ablaufen können: In Nahost verwandeln sich ehemals säkulare
autoritäre Regime in demokratische, aber religiös intolerante
Staaten, während im christlich geprägten Westen die letzten religiös
konnotierten Tabus in der Gesellschaftspolitik kippen. Hier scheint
das alte Ideal eines aufgeklärten Staates sehr, sehr nahe, etwa bei
der Enttabuisierung von Homosexualität, gleichgeschlechtlichen
Partnerschaften und Abtreibung oder bei den neuen Möglichkeiten für
die Fortpflanzungs- und Biowissenschaften.

Nur im Kampf um die sichtbaren Symbole des Christentums, sei es das
allgegenwärtige Kreuz im öffentlichen Raum, sei das Läuten der
Kirchenglocken, gibt es noch spürbaren Widerstand. Das dürfte jedoch
vorrangig mit unserem Hang zur Nostalgie und unserem Faible für
Erinnerungskultur zusammenhängen.

Allerdings ist diese Entwicklung nicht in Stein gemeißelt. Religion
ist ein hochdynamischer Prozess, und die Säkularisierung, wie wir sie
in der Moderne erlebt haben, führte nicht nur zu einer
institutionellen Trennung von Kirche und Staat, sondern auch zur
Entzauberung des Einzelnen, indem die einst vielfältigen Bindungen
zwischen Mensch und Religion gelockert beziehungsweise ganz gelöst
wurden.

An deren Stelle tritt nun das Prinzip der Religionsfreiheit - eine
Art neuer Markt, auf dem die Nachfrage des Einzelnen nach
Sinnstiftung mit neuen Angeboten zusammentrifft. So gesehen wird die
säkulare Moderne zur Triebfeder einer neuen Dynamisierung des
Religiösen durch eine Entfesselung des Marktes - fast schon
klassischer Neoliberalismus. Das ist wahrscheinlich nicht unbedingt
jenes Szenario, das sich die Kämpfer gegen die Religion erwarten.

Es ist allerdings zweifelhaft, ob auch die etablierten Kirchen von
dieser Entwicklung profitieren. Ex-Monopolisten und Marktführer
werden im Falle einer radikalen Liberalisierung meist Opfer hungriger
neuer Anbieter, die mit Kommunikation und Inhalten den Nerv ihrer
Zeit treffen.

Weihnachten wird trotzdem ein Renner bleiben. Dazu ist die Geschichte
viel zu gut und die Inszenierung viel zu perfekt. Und mit der
Wirtschaft verfügt das christliche Fest noch über ein mächtiges
Standbein außerhalb des Kerngeschäfts.

www.wienerzeitung.at/leitartikel

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