- 08.06.2012, 18:26:36
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Spielball der Politik, Börsenkommentar "Marktplatz", von Thorsten Kramer.
Frankfurt (ots) - An Europas Aktienmärkten sind nun eiserne Nerven
gefragt. Die Verunsicherung der Investoren wächst von Tag zu Tag, und
die Volatilität der Kurse ist entsprechend hoch, weil der Handel fast
ausschließlich von kurzfristigen, spekulativen Investments dominiert
wird. Anleger fürchten den Zusammenbruch der Europäischen
Währungsunion, zudem verstärken eine Reihe von enttäuschenden
Wirtschaftsdaten aus aller Welt die Zweifel am Erholungskurs der
Wirtschaft. Neupositionierungen von langfristig orientierten Akteuren
bleiben deshalb die Ausnahme - obwohl die sehr günstige Bewertung der
Börsen und die hohen Dividendenzahlungen an die Anteilseigner
attraktive Renditechancen versprechen.
Das Geschehen steht im Zeichen der Politik. Nach wie vor ist eine
langfristig tragbare Lösung für die Schuldenkrise in der Eurozone
aber nicht in Sicht. Dies kratzt nachhaltig am Vertrauen der
Investoren. Europas Aktienmärkte geraten dadurch im globalen
Vergleich ins Hintertreffen. Auf Sicht von zwölf Monaten drückte die
zunehmende Risikoaversion den globalen Benchmark-Index MSCI World um
mehr als 9% ins Minus. Europäische Aktien ausgeklammert büßte der
Index hingegen lediglich moderate 2,9% ein. Die Schwäche der Börsen
droht nun eine zusätzliche Belastung für die europäische Konjunktur
zu werden, denn wenn die Depotvermögen der Investoren
zusammenschmelzen, dämpft dies beispielsweise die Lust am privaten
Konsum.
Finanzhilfen für Spanien zur Unterstützung des Bankensektors können
dabei helfen, die Ängste vor Dominoeffekten innerhalb der Eurozone zu
verringern. Es ist allerdings zu befürchten, dass auch dies lediglich
den kurzfristig ausgerichteten Tradern eine Chance offeriert und die
Wirkung ohnehin schnell verpufft, denn mit den Neuwahlen in
Griechenland steht schon das nächste enorm bedeutsame Ereignis bevor.
Gewinnen am 17.Juni die Parteien, die sich an die Sparzusagen an die
europäischen Partner, die Europäische Zentralbank und den
Internationalen Währungsfonds gebunden fühlen, besteht sicherlich die
Chance zu einer Erholungsrally an den Aktienmärkten. Sollten jedoch
die Euro-Skeptiker siegen, dürfte die Angst vor Dominoeffekten
schlagartig wachsen. Den Märkten drohte dann eine schwere
Belastungsprobe. Je nachdem, wie die Politik und die Notenbanken dann
reagieren, ist für diesen Fall selbst ein Einbruch der Notierungen um
50% nicht auszuschließen, wie jüngst etwa die Anlagestrategen der
Société Générale in einer Analyse vorrechneten.
Mit Blick auf das Gesamtjahr halten die Anlagestrategen der meisten
Banken trotz allem an ihren recht optimistischen Indexprognosen für
Europas Märkte fest - allen voran für den deutschen Aktienmarkt, der
wegen der im Vergleich sehr stabilen Konjunktur hierzulande den
meisten als erste Wahl gilt. Damit die Kurse wieder nachhaltig auf
ein höheres Niveau steigen, muss sich allerdings das gesamte
Stimmungsbild aufhellen. Der überraschende Zinsschritt der
chinesischen Währungshüter vom Donnerstag ist dafür bereits ein
erster Mosaikstein, denn er wird dazu führen, dass die Konjunktur in
dem stark aufstrebenden Land wieder an Dynamik gewinnt - ein
willkommener Impuls für die Weltwirtschaft. Es ist zusätzlich damit
zu rechnen, dass die US-Notenbank Federal Reserve und die EZB schon
in Kürze per Liquiditätsspritze oder per Zinssenkung ebenfalls
dringend benötigte Stimuli für die Konjunktur beschließen werden.
Dies darf allerdings nicht dazu führen, dass die Politik
weiterwurschtelt, anstatt endlich damit zu beginnen, in
internationaler Abstimmung ihre Versäumnisse zu beheben.
Zunächst fokussieren sich Investoren auf den G20-Gipfel am 18. und
19. Juni in Mexiko, um neue Hinweise darauf zu erhalten, ob es wohl
in absehbarer Zeit gelingen mag, Antworten auf die drängenden
Probleme der Staaten und des Bankensektors zu finden. Ende des Monats
richtet sich das Interesse dann auf den nächsten EU-Gipfel. Die
Bundesregierung hat es sich zum Ziel gesetzt, dort Arbeitsaufträge
für eine tiefere Integration zu erteilen, um im Frühjahr 2013 bereits
verbindliche Beschlüsse treffen zu können. Das hört sich
vielversprechend an. Es ist jedoch zu befürchten, dass auch nach dem
Treffen die Vorstellungen über eine europäische Bankenaufsicht, eine
Bankenunion mit gemeinsamem Einlagensicherungsfonds oder eine
Fiskalunion mit eng abgestimmter Haushaltspolitik weiterhin sehr
kontrovers diskutiert werden, nicht zuletzt, weil es dabei um viel
Geld geht. Die Märkte dürften sich deshalb auf absehbare Zeit kaum
beruhigen. Sie werden weiterhin Spielball der Politik sein.
(Börsen-Zeitung, 9.6.2012)
Rückfragehinweis:
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Redaktion
Telefon: 069--2732-0
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