- 24.05.2012, 21:00:31
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TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Freitag, 25. Mai 2012, von Christian Jentsch: "Die Party ist vorbei"
Innsbruck (OTS) - Sehenden Auges steuerte Europa auf die
Katastrophe zu. Ohne Fundament wurden gewaltige Schuldenberge
angehäuft. Nun ist die Party vorbei. Doch statt nach neuen Strukturen
sucht man nach neuen Drogen.
Schön waren die Zeiten: Der Boom bahnte sich seinen Weg. Und die
Märchenerzähler hatten Hochkonjunktur. Es schien keine Grenzen zu
geben, korrupte Regierungen nicht nur in Griechenland setzten auf
eine ungebremste Schuldenrallye und niemand brachte sie von dem
gefährlichen Schleuderkurs ab. Ganz im Gegenteil. Gewaltige
Schuldenberge wurden angehäuft. Und später fanden immer riskantere
Papiere ihre Abnehmer. Die Stabilitätskriterien, wie sie im Vertrag
von Maastricht festgeschrieben sind, wurden zu Grabe getragen. Die
herrschenden Politiker ließen es sich nicht nehmen, eine ausgelassene
Party zu feiern. Und mit ihnen die Finanzspekulanten, die das
Risikopotenzial auf die Spitze getrieben haben. Eine Pleite stand
schlicht und einfach nicht zur Debatte.
Doch die Party ist vorbei, die Blase ist geplatzt. Länder wie
Griechenland, Portugal, Spanien und Italien stehen mittlerweile
wirtschaftlich vor dem Abgrund. Ohne Fundament brachen die wackeligen
Wunder wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Und Europa zittert vor
einem neuen Beben. Mit dem wirtschaftlichen Niedergang droht auch das
politische Projekt von einem gemeinsamen Europa zu zerbrechen. Die
Alarmglocken schrillen. In Griechenland droht kein Stein auf dem
anderen zu bleiben und in Spanien tickt eine Bombe, die das
gesamteuropäische Finanzgebäude zum Einsturz bringen könnte. Unter
der Führung der deutschen Kanzlerin Angela Merkel und mit
Rückendeckung des mittlerweile abgewählten französischen Präsidenten
Nicolas Sarkozy wurde eilig ein Fiskalpakt, welcher die
Mitgliedsländer zu einer strengeren Haushaltsdisziplin zwingt, auf
Schiene gebracht. Harte Einschnitte in den Pleitestaaten sollen die
Gemeinschaftswährung vor dem Kollaps retten.
Doch das Volk weigert sich, die Zeche zu zahlen. Und wer Wahlen
gewinnen will, schlägt sich nicht auf die Seite der harten
Sparmeister. Das wusste auch Frankreichs neuer Präsident Francois
Hollande. Dabei ist eines klar: Die Stunde der Märchenerzähler ist
vorbei. Wer von einem neuen Wachstumspakt spricht, soll die Karten
auf den Tisch legen. Es kann nicht darum gehen, den Schuldenberg
weiter anzuhäufen und dem Volk neue Beruhigungspillen zu
verschreiben.
Es geht nicht darum, sich mit gescheiterten Konzepten Luft zu
verschaffen. Es geht darum, Strukturen aufzubrechen, die uns in die
Krise geführt haben. Und da gibt es genug zu tun.
Rückfragehinweis:
Tiroler Tageszeitung, Chefredaktion , Tel.: 05 04 03 DW 610
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