• 24.05.2012, 19:30:21
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Wahl zwischen Pest und Cholera" (Von Michael Jungwirth)

Ausgabe vom 25.5.2012

Graz (OTS) - Na endlich, werden sich nicht wenige Leute denken,
dass sich nun endlich einmal auch die EU mit dem griechischen
Rauswurf aus der Euro-Zone befasst. All zu lange hatte man in Brüssel
so getan, als ob nur Populisten, die nach Wählerstimmen an den
Stammtischen fischen, der Boulevard und Weltuntergangspropheten
solche Fantasien entwickeln. Wer bereit sei, Verantwortung für das
Gemeinwohl zu übernehmen, lautete der staatstragende Einwand, würde
nie solche Katastrophenszenarien auf dem Niveau von Nostradamus und
des Maya-Kalenders zeichnen.

Haben uns also die politischen Eliten nicht wieder einmal
angeschwindelt? Haben Strache, Bucher recht behalten und das
politische Establishment eines Besseren belehrt?

Dass man in den Finanzministerien, in den Nationalbanken, bei der
EZB, den europäischen Institutionen geheime Notfallpläne entwickelt,
sollte Griechenland nach einem Machtwechsel bei den nächsten Wahlen
nicht mehr in der Euro-Zone zu halten sein - das sollte wohl das
Selbstverständlichste in der Welt sein. Alles andere wäre fahrlässig.

Doch jene, die es immer schon gewusst haben, laufen Gefahr, einem
schweren Irrtum zu unterliegen. Es ist keineswegs so, dass durch den
Rauswurf der notorischen Schwindler alle Probleme gelöst sind und
Europa wieder zur Tagesordnung übergehen kann.

Wäre dem so, hätten sich längst alle Ökonomen einmütig für diese
Variante ausgesprochen. Griechenland in der Euro-Zone zu halten, ist
- Sarrazin zum Trotz - nicht nur ein politisches Projekt.

Die Euro-Staaten sind viel zu eng miteinander verwoben, als dass ein
Ausstieg ohne Folgen bliebe. Im Gegenteil: Ein Rauswurf ist weniger
Befreiungsschlag, sondern vielmehr der Beginn einer Reise ins
Ungewisse. Dass die Euro-Länder mit einem Schlag rund 150 Milliarden
Euro verlieren würden, ist nur ein Aspekt. Bei einem Kollaps der
griechischen Wirtschaft müsste - welch Wunder - wohl wieder die
internationale Gemeinschaft den Griechen finanziell unter die Arme
greifen.

Nicht abschätzbar ist der Dominoeffekt. Wenn Griechenland fällt,
warum nicht auch Spanien, Portugal, Italien? Abgesehen von den
politischen Implikationen, die laut ernst zu nehmenden Beobachtern
dazu führen könnten, dass angesichts des politischen Chaos die
Militärs wieder schleichend die Kontrolle über das Land übernehmen
könnten.

Bei Griechenland haben die Europäer nur noch die Wahl zwischen Pest
und Cholera.****

Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:[email protected], http://www.kleinezeitung.at

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