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Die Presse - Leitartikel: "Die schmutzigen Tricks der Claudia Schmied", von Christoph Schwarz

Ausgabe vom 25.05.2012

Wien (OTS) - Wie die Unterrichtsministerin ihre Schulreformen
kommuniziert, gleicht einem Verrat an Eltern und Schülern. Und
offenbart ein bedenkliches Leistungsverständnis.

Wagen wir ein Gedankenexperiment: Stellen wir uns doch für einen
kurzen Moment vor, das heimische Schulwesen wäre ein Unternehmen. Wir
hätten es dann nicht nur mit einem Unternehmen zu tun, das krampfhaft
an jedem seiner Mitarbeiter, also Lehrer, festhält - so schlecht er
auch sein mag. Sondern auch mit einem Unternehmen, in dem ebendiese
Mitarbeiter so gut wie keine Chance auf eine leistungsbezogene
Entlohnung oder gar eine Fachkarriere haben.
Vor allem aber würde das Unternehmen seinen Kunden - also in diesem
Fall Schülern und Eltern - jegliche Möglichkeit verwehren, die
Qualität der angebotenen Produkte und Dienstleistungen zu überprüfen.
Und würde so seine De-facto-Monopolstellung auf ganz unverschämte Art
und Weise ausnützen. Denn: Alle Menschen sind zumindest neun Jahre
lang per Gesetz verpflichtet, das Produkt zu kaufen. Ein Recht auf
Garantie oder Gewährleistung gibt es übrigens nicht.
Wahrscheinlich hätte längst jemand den Konsumentenschutz gerufen.
Natürlich, der Vergleich hinkt, wie es Vergleiche immer tun. Zudem
mag man einwenden, dass Bildung keine Ware und auch keine
Dienstleistung im engeren Sinne sei. Sondern ein höheres Gut. Auch
das ist richtig. Es macht die Sache aber nicht besser, sondern noch
viel schlimmer. Denn im Kern handelt die rote Unterrichtsministerin
Claudia Schmied derzeit genauso wie die Chefin des soeben skizzierten
fiktiven Unternehmens.
Sie lässt Eltern und - mindestens so wichtig - Schüler mit ihren
Reformen gern im Unklaren. Oder, mehr noch: Sie verschleiert
Ergebnisse, hält Fakten zurück und schönt Zahlen. Diesen Vorwurf muss
sich die gelernte Bankerin spätestens seit der verheerenden
Konzeption der Bildungsstandards, die ab sofort alljährlich bei allen
Schülern der vierten und achten Schulstufe getestet werden, gefallen
lassen.
Denn: Die Ergebnisse der Tests will die Ministerin zurückhalten, um
angeblich schädliche "Rankings" oder Vergleiche zwischen
Schulstandorten zu vermeiden. Das Ganze könnte, Gott bewahre, ja in
einen Wettbewerb der besten Schulkonzepte münden! Obendrein: Die
Ministerin will die Testergebnisse von Schülern aus Neuen
Mittelschulen und Hauptschulen durch statistische Verfahren anders
gewichten. So soll auf strukturelle Merkmale in der jeweiligen
Schülerpopulation - Migrationshintergrund und sozialer Status -
Rücksicht genommen werden. Für jede Schule gelten andere
"Erwartungsbereiche". Auf gut Deutsch gesagt: Die
Unterrichtsministerin dürfte davon ausgehen, dass in ihrem
Prestigeprojekt Neue Mittelschule vorwiegend Menschen sitzen, denen
man es gar nicht verübeln könne, per se schlechter abzuschneiden. Da
aber nicht sein kann, was nicht sein darf, müssen die Statistiker des
BIFIE, ihres Bundesinstituts für Bildungsforschung, ran.
Das offenbart nicht nur ein problematisches Menschenbild, sondern vor
allem auch ein bedenkliches Leistungsverständnis.
Die Eltern von rund 755.600 schulpflichtigen Kinder werden es der
Ministerin danken: Aufgrund ihrer Zahlenspiele werden sie auch
künftig nicht erfahren, in welchen Schulen Kindern die beste
Ausbildung zuteil wird. Das ist, salopp gesagt, eine Frechheit. Der
Ministerin vorzuwerfen, sozialdemokratischen Einheitsbrei generieren
zu wollen, geht nicht zu weit, sondern greift zu kurz. Die Ministerin
nutzt die unwürdigen PR-Tricks, um zu verschleiern, wie es um ihre
Schulreformen wirklich steht. Wohl nicht allzu gut, bleibt
anzunehmen.
Es ist nicht das erste Mal, dass Schmied beschönigt. Sie führt eine
Neue Mittelschule flächendeckend ein, in der in den richtigen Fächern
die Lehrer für das Teamteaching - zwei Lehrer unterrichten gemeinsam
in einer Klasse - fehlen; statt in Deutsch stehen nun mancherorts
halt zwei Lehrer im Werkunterricht. Sie besteht auf der
Mathematikzentralmatura, auf die sich niemand gut vorbereitet fühlt.
Und sie verkauft Junglehrern Lohnerhöhungen, vergisst aber gern zu
sagen, dass gleichzeitig auch die Arbeitszeit erhöht wird.
Als Unternehmenschefin hätte Claudia Schmied wohl längst den Hut
nehmen müssen.

Rückfragehinweis:
Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
mailto:[email protected]
www.diepresse.com

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