• 17.05.2012, 19:50:16
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Nebenprodukte des Geldverdienens" (von Ute Baumhackl)

Ausgabe vom 18.05.2012

Graz (OTS) - Das größte soziale Netzwerk der Welt geht heute an
die Börse. 100 Milliarden Dollar soll Facebook wert sein, das
entspricht ungefähr dem doppelten Bruttoinlandsprodukt von Slowenien.
901 Millionen Menschen, rund ein Drittel aller Erdenbürger mit
Internetzugang, sind derzeit über Facebook vernetzt, sie alle
miteinander verbringen pro Monat 10,3 Milliarden Stunden auf der
Plattform.

Und während wir noch damit befasst sind, die neuesten Katzenbilder
der Nachbarin zu liken, das eigene Profil upzudaten oder das
Lieblings-Youtube-Video von Deichkind hochzuladen, verdient Facebook
in jeder Sekunde Geld mit uns: Über jeden einzelnen User sammelt das
Netzwerk Daten in 47 Kategorien. Der Zweck: hoch konzentriertes
Zielgruppenmarketing, allein 2011 hat Facebook mit Werbung, Games und
Apps 3,7 Milliarden Dollar umgesetzt.

Das Dauerfeuer solcher Information macht schon fast schwindlig; aber
wer dieser Tage über Facebook spricht und schreibt, glaubt, dem
Phänomen nur durch Zahlen und Fakten beikommen zu können. Facebook
als Zeitfresser, Facebook als dubioser Datensammler, Facebook als
Motor des Bedeutungswandels von Freundschaft: scheint alles
abgehandelt in den acht Jahren, die das Netzwerk nun schon existiert.

Auch wie Facebook Politik macht, kursiert bestenfalls in
anekdotenhafter Form. In Österreich konnte ein seelenloser
Ziegelstein mehr Freunde (197.000) sammeln als H. C. Strache
(115.000). Ja, lustig!

Und erst der Arabische Frühling: Ohne die Koordination der Proteste
über das soziale Netzwerk, so die etablierte Meinung, hätte er gar
nicht stattfinden können. Mag sein. Möglicherweise stimmt aber auch
der Umkehrschluss, den der Publizist Peter Glaser unlängst
formulierte: dass nämlich der später abgesetzte Präsident Hosni
Mubarak erst mit der Abschaltung von Facebook dafür sorgte, "dass 20
Millionen ägyptische Internetnutzer zu Hause nichts mehr zu tun
hatten" und auf die Straße gingen.

So könnte man das durchaus auch betrachten: Facebook hat die
Arabische Revolution nur am Rande beeinflusst, aber selbst ganz
ordentlich davon profitiert. Der Schluss, dass der derart erzielte
Reputationsgewinn dazu beigetragen hat, den nun so bestaunten
Verkaufswert von Facebook in die Höhe zu treiben, scheint jedenfalls
nicht allzu verwegen. Mit der Suggestion sozialer und politischer
Relevanz wird Politik einmal mehr zum Nebenprodukt globaler
Kommerzialisierung. Und Freundschaft, so die Botschaft, gibt es eben
nicht geschenkt.****

Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:[email protected], http://www.kleinezeitung.at

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