- 17.05.2012, 16:24:02
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WirtschaftsBlatt-Kolumne: Die vielen Gesichter Tibets - von John und Doris Naisbitt
Wer die Hauptstadt Lhasa besucht, dem bietet sich das Bild einer modernen Stadt
Wien (OTS) - Das Eisen ist so heiß, dass man sich in jedem Fall
die Finger verbrennt. Dennoch, für "China heute und morgen" kann und
soll Tibet nicht ausgespart werden. Schon allein seine Größe ist
Grund genug. Das autonome Tibet umfasst ungefähr ein Achtel Chinas.
Jene Fläche, die die "Tibetische Unabhängigkeitsbewegung" einfordert,
ist ungefähr ein Viertel des Landes. Nicht so viel, wenn man bedenkt,
dass Amerikas Indianerstämme auf ähnlicher Basis 100 Prozent der USA
einfordern könnten - viel, wenn man bedenkt, dass Tibet Chinas
Wasserreservoir ist.
Tatsächlich ist Tibet kein Shangri-La für Sinnsuchende. Und das
System, das 1950 fiel, zeigte dem überwiegenden Teil der Bevölkerung
kein schönes Gesicht. Das Tibet, das der 14. Dalai Lama 1959 verließ,
war alles andere als ein spirituelles Paradies. In der von
aristokratischen Grundbesitzern und Mönchen regierten Gesellschaft
lebten 90 Prozent der Menschen als Sklaven, Leibeigene oder in
Schuldknechtschaft. Eine brutale Religionspolizei sicherte das
System. Wer gegen religiöse oder rechtliche Regeln verstieß, musste
mittelalterliche Strafen erleiden: Augen wurden mit heißem Öl
ausgebrannt, Hände von Dieben abgehackt, Körper in nasse Yak-Haut
eingenäht, getrocknet und in Schluchten geworfen. Die Schreie der
Opfer drangen nicht bis in die viel höher gelegenen Gemächer des
Potala-Palastes, in dem der Dalai Lama als Gottkönig residierte. Und
nur sehr zögernd beantwortete der Führer im Potala-Palast unsere
Frage, ob der 14. Dalai Lama von allem wusste, mit: "Ja, aber er war
noch jung." Doch wie der "Stern" (32/2009) berichtete, lenkt der
"sanfte Tibeter" auch sein Exil, McLeodGanj, als "undemokratisches
Regime" ganz im Stile eines "mittelalterlichen Potentaten."
Dies alles rechtfertigt keine einzige Verletzung der
Menschenrechte durch die chinesische Regierung - doch auch keine
einseitige Berichterstattung des Westens. Denn Tibet hat viele
Gesichter. Wer die Hauptstadt Lhasa besucht, dem bietet sich das Bild
einer modernen Stadt. Gab es 1959 kaum Straßen, ist Tibet heute mit
50.000 km relativ gut erschlossen. Das Bruttosozialprodukt stieg von
18 Millionen Euro 1959 auf 5,3 Milliarden Euro 2009. Die
Lebenserwartung stieg von 35,5 Jahren auf 67 Jahre. Bildung, einst
Privileg der Mönche und Aristokraten, ist heute 98 Prozent der
Bevölkerung zugänglich. Tibeter sind von der Ein-Kind-Politik Chinas
ausgenommen. Um an den besten Universitäten studieren zu können,
müssen Tibeter nur die Hälfte der von Han-Chinesen verlangten
Punktezahl erreichen. Auch einfache Tibeter nutzen ihre Chance: Ein
Bauer, einst Leibeigener ohne Schulbildung, erzählte uns stolz, dass
sein Sohn bereits acht Jahre zur Schule ging und sein Enkel nun sogar
studiert. Eine Bauernfamilie zeigte uns ihre acht Kühe. Drei davon
haben sie als Förderung von der Regierung bekommen, den weiteren
Aufschwung verdanken sie ihrer eigenen Tüchtigkeit. Auf der Fahrt zum
Flughafen machten wir in der Walnussölfabrik eines Tibeters halt. Er
kauft die wilden Walnüsse Tibets von Nomaden und Bauern und presst
sie zu hochwertigem und hochpreisigem Öl.
Doch es gibt Schattenseiten. Traditionelle Werte und materielle
Begierden vertragen sich schlecht. Der Lang-Kotau, das traditionelle
Niederwerfen, fand immer öfter vor den Augen fotografierender
Touristen statt. Doch nach den Unruhen 2008 wurden die
Visa-Bestimmungen drastisch verschärft. Zahlungskräftige westliche
Touristen haben kaum Zugang - für einen New Yorker, der in einem
alten tibetischen Viertel Lhasas ein Boutique-Hotel errichtete und es
ausschließlich mit Tibetern führt, ein harter Schlag. Er musste seine
Preise drastisch senken. Sein Engagement blieb. Mit seiner Hilfe
wurde die erste Montessori-Schule mit Unterricht in tibetischer
Sprache errichtet. Mithilfe eines tibetischen Künstlers produziert er
mit im Land traditionell benachteiligten Behinderten Kunsthandwerk
und finanziert damit die Ausbildung tibetischer Waisenkinder. Ein
Mönch setzt sich für den wirtschaftlichen Aufschwung von Nomaden ein,
ohne ihre traditionelle Lebensweise zu gefährden. Er sammelt die
Milch der Yaks. Der Gewinn aus dem Käse, den er daraus produziert,
fließt in eine Schule für die Kinder der Nomaden.
Tibeter sind nicht immer einfach, meinte unser "New Yorker
Tibeter", der Tibetisch und Mandarin fließend beherrscht. Sie werden
allzu leicht vom Ehrgeiz der Han-Chinesen überrollt und wollen trotz
aller Spiritualität Teil des 21. Jahrhunderts sein. Tibet braucht die
Unterstützung des Westens, die Tibeter brauchen die Gebete des Dalai
Lama. Es gibt keine absolute Wahrheit. Das Eisen bleibt heiß. Selbst
der Gottkönig hat zwei Gesichter. Und letztlich muss sich jeder seine
eigene Meinung bilden.
Rückfragehinweis:
Wirtschaftsblatt Verlag AG
Tel.: Tel.: 01/60117 / 300
mailto:[email protected]
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