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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Orange Mannequins der Betroffenheit" (von Werner Krause)
Ausgabe vom 03.05.2012
Graz (OTS) - Die Geschichte lehrt uns immer wieder: Für das
Grauen, das Leid, das Menschen widerfährt, gibt es in unseren Köpfen
nur ein limitiertes Fassungsvermögen. Es bedarf der Einzelschicksale,
um auch nur halbwegs zu erahnen, welchen makabren Orgien der Barbarei
eine vorwiegend in der Anonymität verbliebene Masse an Unschuldigen
ausgesetzt wurde.
Die Causa Timoschenko liefert diesbezüglich nur eine weitere Lektion.
Dass sie auch reichlich zwiespältig ist, scheint da aber nur wenige
Probleme zu bereiten. Der "Timoschenko"-Hilfszug ist unterwegs,
täglich springen weitere politische Trittbrettfahrer auf, überbieten
sich mit Boykott- und Sanktionsforderungen gegen die Ukraine und
machen sich auf die Suche nach Ersatz-Austragungsländern für die
nahende Fußball-Europameisterschaft. All das wäre unbedingt
diskussionswürdig, gäbe es nicht die zunehmende Scheuklapprigkeit,
die kaum noch Einwände zulässt.
Zu retten gilt es, siehe Einzelschicksal, diesmal eine angebliche
Ikone der Revolution, mit dem Namen "Jeanne d'Arc" und den Weihen
einer Märtyrerin versehen. Keinerlei Rolle spielt dabei mehr, wie
rigoros die blondzöpfige "Evita aus Kiew", deren Haartracht auch an
fromme Bäuerinnen erinnern sollte, einstmals selbst die Fäden in der
Ukraine zog.
Als Ölprinzessin brachte sie es zu einem Riesenvermögen, in der
Rangliste der Pressefreiheit sackte die Ukraine unter ihrer Ära auf
hinterste Plätze ab, Oppositionelle wurden und werden mundtot gemacht
und landeten dort, wo sie sich nun, unter erbärmlichen Bedingungen,
befindet. Und auch jetzt, ebenfalls, noch befinden. Doch wer wagt,
das zu fragen?
Faktum ist, dass sich all das angestaute schlechte Gewissen der
Politiker, die erbärmliche Strategie des Wegschauens, entladen kann:
einem Topf gleich, in dem sehr viel Mief brodelte und dem nun endlich
der Deckel wegfliegen darf.
Es ist viel Heuchelei im Spiel, artikuliert nun auch durch die
Forderung der deutschen Grünen: Als Zeichen des Protests solle jeder
einen orangefarbenen Schal tragen, samt gleichfarbigem Polo-Hemdchen.
So rekrutiert sich, was die Politiker vorexerzieren:
Betroffenheits-Mannequins, die unter scheinbarer moralischer Last
kaum an sich halten können.
Der Ball rollt verkehrt, aber er rollt. Es ist wohl nur noch eine
Frage von Stunden, bis Facebook eine Timoschenko-Seite eröffnet, samt
"Gefällt mir"-Druckknopf. Die Basisdemokratie hat ihren Treffer; dass
es sich um ein Eigentor handelt - wen kümmert das denn noch?****
Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:[email protected], http://www.kleinezeitung.at
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