• 16.04.2012, 19:47:17
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Geistesgestört oder ein politischer Extremist?" (von Ernst Heinrich)

Ausgabe vom 17.04.2012

Graz (OTS) - Anders Behring Breivik hat die ihm zur Last
gelegten Verbrechen längst gestanden. Aber in dem seit gestern
laufenden Verfahren wollen seine Verteidiger nun beweisen, dass ihr
Mandant nicht im Wahn tötete, sondern genau wusste, was er tat. Ein
neues psychiatrisches Gutachten, das Experten am Dienstag in Oslo
vorgelegt haben, widerspricht den Befunden einer früheren
Untersuchung in nahezu allen Punkten. Und damit ist die einzige noch
relevante Frage in diesem Prozess völlig offen: Kann der 33-Jährige
für seine Taten bestraft werden oder muss man ihn lediglich für den
Rest seines Lebens als Geistesgestörten von der Gesellschaft
wegsperren?

Breivik selbst empfand das neue Gutachten als Sieg. "Ich bin gesund.
Ich habe getötet, aber ich habe in Notwehr gehandelt, weil ich die
norwegische Gesellschaft vor ihrem Multikultiwahn schützen will",
sagt er. Mit anderen Worten: Breivik verstand und versteht demnach
voll und ganz, was er anrichtete, als er am 22. Juli 2011 erst eine
Bombe im Regierungsviertel zündete und danach in einem Zeltlager auf
der Insel Utoya systematisch Jugendliche erschoss. Und um zu belegen,
dass Breiviks menschenverachtende Weltsicht einer ganz realen
extremistischen Debatte entspringt, werden seine Verteidiger im
Prozess rechtsradikale Blogger und gewaltbereite Islamisten in den
Zeugenstand rufen.

Mit einem Massenmörder wie Anders Breivik tut sich jede demokratische
Gesellschaft schwer. Gibt sie ihm in einem Prozess jene politische
Bühne, die er nur deshalb betreten kann, weil er sich unverfroren auf
jene Rechtsstaatlichkeit berufen kann, die er mit seinen Untaten ad
absurdum geführt hat? Oder tut man ihn ab als Irren, der keine Chance
bekommt, sein krauses Weltbild öffentlich zu artikulieren?

Für die meisten Norweger ist der Prozess die Aufarbeitung eines
Albtraums. Viele haben Angst. Vor allem Überlebende und Angehörige
der Opfer quält die andauernde Konfrontation mit dem Täter. Das
norwegische TV hat eine eigene Webseite für Eltern eingerichtet, auf
der Experten Tipps geben, wie man seinen Kindern erklärt, was da vor
sich geht. Empfohlen wird, seinen Kindern zu versichern, dass Breivik
hinter Schloss und Riegel ist - und es auch bleiben wird.

Aber das ist ja nicht die wichtigste Frage, die dieser Prozess
beantworten soll. Wichtiger ist, wie die Gesellschaft - nicht nur die
norwegische - mit Menschen umgehen soll, die eine Brücke von ihren
Wahnvorstellungen zum politischen Extremismus bauen.****

Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:[email protected], http://www.kleinezeitung.at

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