• 05.04.2012, 16:58:31
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Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Höhere Moral"

Ausgabe vom 6. April 2012

Wien (OTS) - Es gibt den Mythos des Groß-Schriftstellers als
moralische Autorität, und Günter Grass ist - zumindest für die linke
Hälfte der Bundesrepublik Deutschland - dessen ideale Verkörperung.
Das erklärt auch die Aufregung, die die Israel-Attacke des
Literaturnobelpreisträgers ausgelöst hat; und zwar unabhängig davon,
ob man diese nun als antisemitische Entgleisung oder als legitime
Kritik an der Politik des jüdischen Staates bewertet.

Mindestens so interessant ist allerdings die Frage, warum eine breite
Öffentlichkeit gewillt ist, den unbezweifelbar erfolgreichen
Schriftsteller Grass als maßgeblichen Experten für den Weltfrieden im
Allgemeinen und den Nahost-Konflikt im Besonderen anzuerkennen. (Es
sei denn, jeder Deutsche und Österreicher ist aufgrund der eigenen
Vergangenheit verurteilt, zu beidem eine klare Meinung zu haben.)

Grass ist dabei lediglich der Archetyp des aufrechten Intellektuellen
oder Künstlers, der - vom Podium einer höheren Moral herab - immer
wieder zu politischen Fragen das richtende Wort ergreift. Auch in
Österreich kennt man dieses Phänomen.

Dabei ist das Recht jedes Bürgers auf seine eigene Meinung
selbstredend unbestritten. Nur gibt es bei näherer Betrachtung keinen
guten Grund, der Meinung eines Künstlers zu Fragen der
Steuergerechtigkeit, der US-Außenpolitik oder eben des iranischen
Atomkonflikts einen höheren Stellenwert einzuräumen als jener eines
jeden anderen x-beliebigen Staatsbürgers. Wahrscheinlich steckt
dahinter der Wunschtraum vieler, dass die Produktion von Kunst doch
mit einer höheren Moral des Künstlers einhergehe. Falls dem
tatsächlich so sein sollte, wofür in der Realität wenig spricht,
bleibt aber immer noch die Frage, warum die Moral des urteilenden
Künstlers jener der unmittelbar Beteiligten überlegen sein soll?

Die Hoffnung auf einen - im besten Wortsinn - aufklärenden Beitrag
eines Künstlers zur politischen Debatte liegt deshalb nicht in seiner
vorgeblichen moralischen Kompetenz, sondern in seiner analytischen
Fähigkeit, die Dinge in einen größeren Zusammenhang zu stellen oder
auf bisher noch unentdeckte Verbindungen hinzuweisen.

Das allerdings ist weitaus mühsamer als mit schnell dahingeworfenen
moralischen Urteilen die Öffentlichkeit zu unterhalten.

www.wienerzeitung.at/leitartikel

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Wiener Zeitung
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Tel.: +43 1 206 99-474
mailto:[email protected]
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