• 03.04.2012, 19:49:50
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Wir sollten uns nicht an eine Öl-Zukunft ketten" (Von Ernst Sittinger)

Ausgabe vom 4.4.2012

Graz (OTS) - Die Amerikaner haben Sorgen! "Hohe" Spritpreise von
80 Eurocent je Liter sorgen dort für Zoff im Vorwahlkampf. In Europa
dagegen rückt ein Benzinpreis von zwei Euro allmählich ins Blickfeld.
Und was macht die Politik? Sie denkt über Steuersenkungen und
Beihilfen nach, um den Wählern das Unzumutbare zu ersparen.

Jedoch: Wenn uns energiepolitisch nichts anderes einfällt, als uns
verbissen ans Öl zu ketten, dann sind wir in Zukunft arm dran. Man
mag das momentane Preis-Hoch auf Spekulation und Geldgier der
Ölkonzerne zurückführen - beides trifft zu -, dennoch bleibt der
trübe Ausblick auf das Ende des Erdölzeitalters.

Freilich wird Öl physisch nicht so bald zur Neige gehen. "Fracking"
und andere komplexe Prozesse, mit denen man es aus Sand und
Schiefergestein quetscht, werden ein Versiegen der Quelle auf Sicht
verhindern. Der Globus lässt sich auspressen wie eine Zitrone. Die
Aufrechterhaltung der Öl-Illusion wird aber immer teurer und
riskanter. Großunfälle wie vor zwei Jahren auf der Bohrinsel
Deepwater Horizon oder kürzlich auf der "Elgin"-Plattform vor
Schottland stellen die Frage nach der Beherrschbarkeit der
Technologie.

Bei Atomkraft darf man den Ausstieg fordern, bei Öl ist dieser
Gedanke tabu. Das ist verständlich: Die ganze westliche Welt hat
ihren beispiellos luxuriösen Lebensstil auf Öl gebaut. Es muss uns
aber bewusst sein, dass diese Uhr abläuft, und dies nicht nur aus
ökologischen Gründen. Öl ist als Kernrohstoff der petrochemischen
Industrie schon heute viel zu kostbar, um es zu verbrennen. Europa
ist vielleicht stolz darauf, keine Kriege mehr zu führen, und doch
hat es Kriege und Armut im Rahmen des Rohstoff-Imperialismus
lediglich an Drittstaaten ausgelagert. Jetzt werden Rohstoffe
weltweit knapp, Kolonialismus ist keine Option mehr. Aber es reicht
auch nicht für "Wohlstand für alle".

Was also tun? Kurzfristig sind Maßnahmen gegen zu hohe Ölpreise
zweifellos nötig, weil es um soziale und wirtschaftliche Stabilität
geht. Aber diese Krücke löst kein Problem. Wir brauchen jetzt sofort
einen technisch, wirtschaftlich und politisch machbaren Stufenplan
für den Abschied vom Öl.

Wenn weiterhin jeder sein Haus auf der grünen Wiese baut und dann
"angewiesen ist aufs Auto", dann sind wir als Gesellschaft nicht
zukunftsfähig. Sollte jemand ernsthaft glauben, dass er mit
Pendlerpauschale und Heizkostenzuschuss aus der Realität flüchten
kann, dann ist Öl womöglich noch immer zu billig. Oder?****

Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:[email protected], http://www.kleinezeitung.at

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