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Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Selbsthypnose"
Ausgabe vom 4. April 2012
Wien (OTS) - Seit Wochen brodelt und gärt es unter den
Polit-Junkies in der Bundeshauptstadt. Es wird getuschelt und
geflüstert, geraunt und geraunzt. Wie es eben so ist, wenn Ideen und
Gedanken sich anschicken, Gestalt anzunehmen.
Kühne Geister versteigen sich sogar zur Behauptung, die politische
Landschaft stünde vor dem Umbruch, und verweisen als Beleg für ihre
Euphorie auf Deutschland, wo der Aufstieg der Piraten und der Absturz
der Liberalen deutlich machen, dass es ein politisches Leben jenseits
der hiesigen Mischung aus symbolischem Aktionismus und aufgeklärtem
Feudalismus geben könnte.
Dass ebendiese Dynamik Angela Merkels Union und Siegmar Gabriels SPD
in exakt jene große Koalition hineintreibt, der man hierzulande
lieber heute als morgen entfliehen möchte, ist ein Gustostückerl für
alle Zyniker des imaginierten Aufbruchs. Aber das nur so am Rande.
Österreich unterscheidet sich allerdings noch in einem weiteren Punkt
von Deutschland. Die Idee, dass ein 79-jähriger Selfmade-Milliardär
wie Frank Stronach der Politik eines Landes seinen Stempel aufdrücken
will, kennt man ja ansonsten eher nur von Gemeinwesen mit
zweifelhafter demokratischer Qualität, die USA jetzt einmal
ausgenommen.
Was Stronach fehlt, ist ein adäquates Vehikel, seine vom
US-Liberalismus geprägten Reformvorstellungen zu transportieren.
Womit wir bei Josef Bucher wären. Der hat mit dem BZÖ zwar eine
rudimentäre Partei, aber kein Geld. Nachdem sich eine mögliche
Allianz mit der Industriellenvereinigung im vergangenen Jahr
zerschlagen hat, sucht Bucher nun auffallend die Nähe zum nächsten
potenziellen Big Spender.
Ob daraus mehr als nur ein kurzer Flirt wird, bleibt abzuwarten.
Stronachs "goldene Regel" - wer das Gold hat, macht auch die Regeln -
mag im Wirtschaftsleben leidlich funktionieren, die Politik folgt
noch anderen Gesetzen.
Stronachs hemdsärmeliger Zugang ist in der Politik definitiv nicht
die feine Art. Sie ist allerdings auf alle Fälle ehrlicher, vor allem
transparenter, als die bisher in Österreich praktizierten Zustände
versteckter Parteienfinanzierung. Und - auch das sollte man nicht
voreilig geringschätzen: Stronach gibt sein eigenes Geld aus. Das ist
allemal ehrenwerter, als höchst eigennützige Ziele auch noch mit dem
Geld anderer Menschen zu finanzieren.
www.wienerzeitung.at/leitartikel
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