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"Kleine Zeitung" Leitartikel: "Helfen geht nur, wenn Hilfe angenommen wird" (Von Ernst Sittinger)
Ausgabe vom 13.02.2012
Graz (OTS/Vorausmeldung) - An schlechte Nachrichten aus
Griechenland haben wir uns längst gewöhnt. Dass es freilich immer
noch schlechter geht, haben die vergangenen Tage gezeigt:
Generalstreik und gewaltsame Proteste auf der einen Seite, eine
gespaltene Regierung und unbarmherzige Sparpakete auf der anderen.
Dazwischen steht eine zunehmend hilflose internationale Gemeinschaft,
deren Vertreter verbal noch immer auf Beruhigung (fast möchte man
schreiben: appeasement) setzen, während sie von griechischen
Scharfmachern geschmäht und auf "Wanted"-Postern zur Verhaftung
ausgeschrieben werden.
Die bittere Wahrheit ist, dass man Griechenland in seiner
gegenwärtigen Verfassung als failed state, als gescheiterten Staat,
einstufen muss. Man kann nicht mehr mit Sicherheit sagen, dass die
griechische Demokratie die Belastungsprobe des gewaltigen
14-Milliarden-Euro-Sparpakets aushält, das nun auf dem Tisch liegt.
Zwar gibt es in der Regierung noch immer eine Mehrheit der
Vernünftigen, aber auf der Straße kippt das Klima gefährlich in
Richtung Anarchie, wenn der Chef der Polizeigewerkschaft öffentlich
mit Festnahme der ausländischen Finanzkontrollore droht.
Wäre Griechenland eine Firma, wäre längst die Abwicklung im Gang.
Aber es wäre töricht, den Fall rein wirtschaftlich zu betrachten. Die
Frage "Euro oder Drachme?" grieft zu kurz. Es ist höchste Zeit für
einen gesamthaften Marshallplan. Kurzfristig geht es um den
Wiederaufbau geordneter Verwaltungsstrukturen. Mittelfristig braucht
die Wirtschaft einen vollständigen Modernisierungsschub. Langfristig
muss die Frage beantwortet werden, wo Griechenland seinen Platz in
Europa sieht. Entscheidend ist in all diesen Prozessen, dass man den
Hellenen goldene Brücken baut, die dem aufflammenden Nationalismus
die Schärfe rauben. Denn die Töne sind alarmierend, wenn von
Demütigung, Bevormundung und verletzter Souveränität die Rede ist.
In Deutschland, das den Großteil der bisher fast 80-Hilfs-Milliarden
getragen hat, mag die Versuchung groß sein, den Griechen die
Daumenschrauben anzulegen. Das aber führt mit Sicherheit in den
Untergang. Die Amerikaner haben nach 1945 von Europas Staaten
verlangt, die Marshallplan-Hilfe aktiv zu beantragen. Das muss man
heute auch den Griechen abverlangen. Nur ein Paket, das sie selbst
umsetzen wollen, wird in diesem devastierten Umfeld bessernde Wirkung
entfalten können. Sitzen die Griechen nicht mit im (Rettungs-)Boot,
dann droht allen gemeinsam der Schiffbruch. ****
Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:[email protected], http://www.kleinezeitung.at
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