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Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Grasser und die Moral"
Ausgabe vom 8. Februar 2012
Wien (OTS) - Zwei Herren aus Tirol wird vermutlich derzeit öfters
gedankt: Andreas Khol, der die VP-Karriere von Karl Heinz Grasser
verhindert hat, und dem langjährigen Swarovski-Lenker Gernot Langes,
der ihn - dem Vernehmen nach - im Aufsichtsrat des
Familien-Unternehmens verhinderte.
Unabhängig von der geltenden Unschuldsvermutung ist eines auffällig:
Das sich nun langsam entrollende Liechtenstein-Netzwerk hat eine
frappante Ähnlichkeit mit jenem der Bawag in den Jahren bis 2005.
Dieselbe Bawag, über die die Finanzierung des Eurofighter-Deals
gelaufen ist. Und dieselbe Bawag, die an den Fehlspekulationen von
Wolfgang Flöttl fast zugrunde ging. Derselbe Flöttl, der im Sommer
2005 mit Grasser und Julius Meinl auf dessen Yacht einen Kurzurlaub
verbrachte. Derselbe Meinl, dessen Bank eine liechtensteinische
Stiftung verwendete, über die auch Geschäfte liefen, die von der
Staatsanwaltschaft im Verfahren gegen Grasser geprüft werden.
Nun sind Vermutungen und Übereinstimmungen das eine - hieb- und
stichfeste Anklagen etwas anderes. Bleiben wir also bei der
moralischen Komponente der Sache. Im Frühjahr 2006 sagte der damalige
Finanzminister Grasser, dass "in Österreich den Spekulanten das
Handwerk gelegt werden muss". Gemünzt war der Satz auf die Bawag und
die damals ins Schleudern geratende Hypo Alpe Adria (heute
notverstaatlicht). Wie heute bekannt ist, muss er genau in diesen
Wochen und Monaten - mit Diplomatenpass ausgestattet - in Tranchen
500.000 Euro in bar außer Landes gebracht, um Genussscheine dieser
Hypo zu kaufen. Für seine spätere Schwiegermutter, die nun mit diesem
Geld nichts zu tun haben will.
Wenn Grasser also auf seine Integrität pocht, und "empört" alle
Anschuldigungen als Menschenhatz bezeichnet, fehlt ihm dazu jede
Glaubwürdigkeit. Grasser, der sich nun im U-Ausschuss keiner
"parteipolitischen Show" aussetzen will, hat genau diese Show als
Politiker abgezogen. Was ihm in Sachen Glaubwürdigkeit auch nicht
gerade weiterbringt.
Es mag sein, dass er sich ungerecht behandelt fühlt, weil er
vermutlich weiß, dass andere Politiker in diesen jämmerlichen Jahren
zwischen 2001 und 2006 genauso skrupellos vorgegangen sind. Aber er
war die Galionsfigur dieser Jahre - und ohne Andreas Khol wäre er es
sogar noch ein wenig länger geblieben.
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