• 02.02.2012, 18:30:25
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"Die Presse"-Leitartikel: Die irreführende Fixierung auf die Islamisten, von Helmar Dumbs

Ausgabe vom 02.Februar 2012

Wien (OTS) - Entscheidend wird nicht sein, ob die
Sicherheitskräfte tatsächlich hinter der Katastrophe von Port Said
stecken. Sondern ob die Ägypter dies glauben.

Die Schwaden der Rauchkörper über dem Fußballstadion von Port Said am
Suezkanal hatten sich kaum verzogen, da zogen bereits neue Nebel auf:
Bei der Suche nach den Schuldigen für die Katastrophe von
Mittwochnacht war rasch der Vorwurf zur Hand, die Sicherheitskräfte
hätten das Blutbad nicht nur zugelassen, sondern steckten gar als
Anstifter dahinter.

Noch ist es viel zu früh, darüber eine endgültige Aussage zu treffen.
Und angesichts des Umstandes, dass es seit dem Sturz von Ex-Diktator
Hosni Mubarak vor einem Jahr zum regelrechten Volkssport geworden
ist, die - in der Tat nach wie vor mächtigen - Kräfte des alten
Regimes für alles, was am Nil nicht optimal läuft, verantwortlich zu
machen, ist Vorsicht geboten. Das Kushari (ein ägyptisches
Nationalgericht) schmeckt verdorben? Da müssen doch die Generäle ihre
Hand im Spiel haben! An einer Pyramide bröckelt die Verkleidung ab?
Das kann nur Mubaraks Sohn Gamal zwischen zwei Prozessterminen
befohlen haben.

Man sollte also zunächst nüchtern betrachten, was eigentlich passiert
ist: Fans eines Fußballklubs stürmten nach dem Ende des Spiels (das
ihr Verein gewonnen hat) aufs Feld, attackierten Spieler und Anhänger
der gegnerischen Mannschaft. Es kam zu brutalen Schlägereien der
teils nahkampferprobten Fans und zu panikartigen Fluchtszenen. Am
Ende blieben fast 80 Menschen tot und über 100 verletzt auf dem
Fußballfeld zurück.

Man muss aber auch betrachten, was nicht passiert ist: Wie Videos
zeigen, haben die Sicherheitskräfte lange keinen Finger, geschweige
denn Knüppel gerührt, um die Situation unter Kontrolle zu bringen.
Und das wirkt in einem Land, in dem es erstens nicht gerade an
Sicherheitskräften mangelt und in dem die Polizei zweitens nicht
dafür bekannt ist, zimperlich zu sein - die Aktivisten vom
Tahrir-Platz können ein Lied davon singen -, doch mehr als
erstaunlich.

Also: Nur weil du paranoid bist, heißt das noch lange nicht, dass sie
nicht trotzdem hinter dir her sind.

Vermutlich ist es aber gar nicht so wichtig, welche Rolle die
Sicherheitskräfte in Port Said tatsächlich gespielt haben.
Entscheidender wird sein, was die Menschen glauben. Und da war schon
Stunden nach dem Unglück die Tendenz überdeutlich: Der Militärrat
habe Chaos gestiftet, um sich als Retter präsentieren zu können.
Schon wird die "Exekution des Feldmarschalls" gefordert.

Auf jeden Fall legen die Empörten den Finger auf die größte Wunde des
postrevolutionären Ägypten: Mubarak wurde gestürzt, Wahlen wurden
abgehalten, doch das Sagen haben weiterhin jene, die es auch in den
vergangenen Jahrzehnten hatten: die Generäle. Die im Westen durchaus
mit einer Portion Angstlust gewürzte Fixierung auf die Islamisten und
ihren im Ausmaß überraschenden Wahlsieg hat das wahre Machtzentrum
des Landes zuletzt etwas aus dem Blickfeld verdrängt.

Stärker denn je wird dieser Tage deutlich: Der Sturz eines Diktators
ist nicht einmal die halbe Miete für das Gelingen einer
demokratischen Revolution, bestenfalls der unerlässliche Anstoß. Ein
Jahr, nachdem die Ägypter ihren Pharao in die Wüste - und auf die
Anklagebank - geschickt haben, sind die Machtverhältnisse alles
andere als geklärt. Klar ist nur, dass sich Muslimbrüder und Armee
arrangieren müssen. An keiner der beiden Gruppen ist ein
Vorbeikommen. Seit Monaten wird an mehreren Fronten mit harten
Bandagen "ausgehandelt", wie die Kräfteverhältnisse in diesem
Arrangement sein werden. Die Ereignisse von Port Said und noch mehr
der Umgang damit sind nur ein Teil dieses erbitterten Machtkampfs.

Ägypten ein Jahr nach der Revolution ist damit auch ein Mahnmal für
den Westen, die arabischen Staaten im Transformationsprozess stärker
zu begleiten und zu unterstützen. Nicht überall sind die
Voraussetzungen so günstig wie in Tunesien: Libyen ist auf dem besten
Weg, ein gescheiterter Staat zu werden; Syrien, wo der in die Enge
getriebene Diktator offenbar das ganze Land mit in den Untergang
nehmen will, der nächste Kandidat. Ein Kandidat, der nicht nur -
Stehsatz der Nahost-Weisen - den Schlüssel zum Frieden in der Hand
hält, sondern auch den Schlüssel zu regionalem Chaos.

Rückfragehinweis:
Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
mailto:[email protected]
www.diepresse.com

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